Wenn man eben mal kurz weg war, sagen wir mal vier Wochen am anderen Ende der Welt, vier relaxte Wochen lang jenseits der Informationsflut und weg vom Mediengetümmel, dann sieht man vieles hier erst einmal ziemlich entspannt – und manches versteht man nicht so recht. Beispiel Dioxinskandal: Nach der Lektüre der ersten Zeitungen aus der vergangenen Woche fällt mir auf, dass es offensichtlich kaum noch um die Sache geht. Wieviel Dioxin gefunden wurde und ob davon eine Gesundheitsgefahr ausgeht, erschließt sich mir aus dem Überfliegen der Medien der letzten Tage nicht. Stattdessen finde ich Seiten füllendes Mediengezeter über unzureichende Lebensmittelkontrollen, die Defizite der Landwirtschaft sowie ein unglaubliches Politspektakel, in dem sich jeder auf Kosten der anderen zu profilieren sucht  – Beschimpfungen, Schuldzuweisungen, Besserwisserei (..wie immer hätten die anderen den Fall viel schneller und klarer gelöst) und Rücktrittsforderungen an eine Ministerin, die eigentlich redlich versucht, das Problem in den Griff zu bekommen.

Betrachtet man die Fakten, ist das Ausmaß der Aufregung nicht zu verstehen. Grundsätzlich hat das Gift natürlich weder in Eiern noch in anderen Nahrungsmitteln was zu suchen, schon gar nicht in Mengen, die die Höchstwerte überschreiten. Beim aktuellen Skandal wurden offensichtlich bisher maximal 12 Pikogramm Dioxin pro Gramm in Ei-Fett aufgespürt. Erlaubt sind maximal 3 Pikogramm. Natürlich muss hier gehandelt werden. Aber: Wieso regt sich eigentlich keiner über den Dioxingehalt in der Muttermilch auf? Obwohl die durchschnittliche Dioxinmenge von 1988 bis 2002 von 37 Pikogramm Dioxin pro Gramm Muttermilchfett (!)  auf weniger als die Hälfte gesunken ist, hatten stillende Frauen in Deutschland im Jahr 2004 – und daran dürfte sich bis heute wenig geändert haben – immer noch eine durchschnittliche Belastung der Muttermilch von ca. 12 Pikogramm Dioxin pro Gramm Milchfett. Im Vergleich war das die zweithöchste Dioxinbelastung der Muttermilch in Europa, wie aus dem “Atlas über die Gesundheit der Kinder und die Umwelt” aus dem Jahr 2004, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hervorgeht (siehe den Bericht in der Taz aus dem Jahr 2004). Wenn schon, dann wäre das der eigentliche Aufreger zum Thema Dioxin. Wieso interessiert sich weit und breit keine Socke dafür? Schließlich ist die Muttermilch über Monate das einzige oder zumindest hauptsächliche Lebensmittel des Säuglings – und damit ungleich bedeutender für seine Ernährung als Eier für die Ernährung Erwachsener. Sogar die sonst so kritischen Verbraucherzentralen spielen dieses Thema in ihren aktuellen Stellungnahmen herunter.

„Dioxin in der Muttermilch – Verbietet das Stillen!“ Als Thema gibt das natürlich für die Medien und die Politik nichts her. Man kann weder schwarze Peter verteilen noch Sündenböcke ausmachen und an den Pranger stellen – man kann allenfalls alle Leserinnen im gebährfähigen Alter auffordern, Ernährung und Lebensweise zu ändern. Zuallererst müsste da die Aufforderung stehen: Esst weniger Fleisch und weniger tierische Lebensmittel, denn die sind – auch ohne Höchstmengenüberschreitungen – die Hauptquelle für das Dioxin, das sich in der Muttemilch anreichert. Solche Belehrungen hätten geringen Unterhaltungswert, das gibt allenfalls mal eine Seite in der Rubrik „Medizin und Wissenschaft“ her.

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