Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, will das Dicke mit Geldstrafen für erziehungsresistente Eltern aus den übergewichtigen Kindern rauskriegen (siehe hier). Ernährungspsychologen schlagen da andere Wege vor. Ganz aktuell äußert sich dazu der Göttinger Ernährungspsychologen Prof. Dr. Thomas Elrott im wissenschaftlichen Pressedienst „Moderne Ernährung – heute“ mit seinem Beitrag „Essen will gelernt sein – Ansatzpunkte für eine günstige Entwicklung des Essverhaltens im Kindes- und Jugendalter“. Der Mann hat zwar teilweise einen etwas akademischen Stil (..wäre ja schlimm, wenn jeder gleich verstehen würde, was man sagen will – nicht gut für die wissenschaftliche Reputation!). Allerdings lohnt es trotzdem der Mühe, sich um das Verständnis dessen zu bemühen, was er zu Papier bringt – es ist nämlich richtig: Er plädiert für eine frühzeitige Ernährungserziehung, die sich nicht allein an gesundheitlichen Aspekten fixiert, sondern handlungsbezogen arbeitet und auch den Genuss einbezieht.

In jeder Esskultur findet beginnend mit der Geburt ein lebenslanges Training auf bevorzugte Lebensmittel und Speisen statt, das wesentlich über Lernprozesse und gewohnheitsbildende Erfahrungen gesteuert wird. Individuell unterschiedlich prägen sich Vorlieben und Abneigungen, die in der familiären und sozialen Kommunikation entstehen, wobei rationale, vernünftige Gebote und Verbote eher das Gegenteil bewirken. Erziehungsberechtigte können Vorlieben bei Kindern besonders gut erzeugen, wenn sie mit viel klugen Worten bestimmte Lebensmittel verbieten, oder Aversionen anlegen, wenn sie mit Gesundheitsargumenten den Verzehr bestimmter Speisen einfordern. Colagetränke auf der einen und Spinat auf der anderen Seite sind klassische Beispiele dafür. Ungünstige Kontingenzverhältnisse limitieren die kognitive Ernährungserziehung erheblich. Am erfolgversprechendsten hingegen ist das Lernen vom positiv besetzten Vorbild über das zentrale Motiv Genuss und Geschmack. Flexible Kontrollstrategien beugen der Entstehung von Essstörungen vor und sind die dem Überfluss angepasste Variante, das Essverhalten zu kontrollieren.

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Verlockende Süßigkeiten: Verbote bringen gar nichts.   Foto: BDSI

Abschreckungspädagogik“ mit Belehrungen über richtige und falsche, gesunde und ungesunde Ernährung macht Elrotts Ansicht nach weder im Elternhaus noch in der Schule Sinn. Sie wird von den Kindern ganz schnell entlarvt – oder erst gar nicht verstanden und deswegen nicht akzeptiert:

„Ein Kind kann leicht erleben, dass die elterliche Drohung „Schokolade macht dick“ nicht stimmen kann: An einem Tag isst es sehr viel Schokolade. Am Tag darauf stellt sich das Kind wieder auf die Waage, das Gewicht ist aber genau gleich wie am Tag zuvor. Die starke Verzögerung bis zum möglichen Eintreten einer negativen Folge ist besonders für jüngere Kinder weder vorstell- noch erlebbar. So erwarten Kinder nach dem Verzehr entsprechender Lebensmittel zunächst zwar durchaus die vorhergesagten Folgen. Treten diese aber nicht kurzfristig nach dem Verzehr auf, bildet sich eine Primärerfahrung, die der Aussage der Lehrer bzw. Eltern widerspricht: „Ich habe Schokolade gegessen und bin am nächsten Tag gar nicht dick geworden. … Durch ungünstige Kontingenzverhältnisse, d. h. lange Zeitverzögerung zwischen positiver und negativer Verhaltenskonsequenz, ist ein derartiger Erziehungsstil kaum wirkungsvoll.“

Lösungsansätze dürfen nicht im Bereich der Wissensvermittlung bleiben. Nur handlungsorientierte Ansätze bieten Aussicht auf Erfolg. Elrott macht dabei klar – und ist sich in diesem Punkt sicher mit Josef Kraus einig. Die Schule kann nicht alles retten, was das Elternhaus versäumt:

„Wenn vor allem Wissensvermittlung im Vordergrund steht, sind Angebote zur Ernährungsbildung nicht wirksam, da sie theoretisches Wissen anhäufen, das von den Kindern nicht – oder gerade nicht – in entsprechendes praktisches Handeln übersetzt wird. Moderne Konzepte sind deutlich handlungsorientierter. Bei ihnen steht das Selbermachen, Entdecken, Schmecken, Genießen, Experimentieren und Teilhaben (Partizipation) im Vordergrund. ..Weil in solchen Ansätzen alle Kinder – auch solche aus sozial benachteiligten Milieus – erreicht werden können, wird Chancengleichheit gefördert. Öffentliche Einrichtungen können aber auch mit noch so guten Angeboten nicht alles kompensieren, was im familiären Umfeld falsch geprägt wurde. Im besten Fall werden die Eltern und sogar Kommunen in einen übergreifenden gesundheitsfördernden Ansatz einbezogen. In der Diskussion um Ernährungsbildung wird bisweilen der Aspekt der körperlichen Aktivität vergessen. Diese ist für die Prävention von Übergewicht und vielen anderen Störungen ein Schlüsselaspekt, der oft nicht unter „Ernährungsbildung“ fällt.“ 

In der Schulverpflegung sieht Elrott ideale Ansatzpunkte zur Beeinflussung des kindlichen und jugendlichen Essverhaltens. Da kann man ihm nur zustimmen.

„Das zunehmende Angebot an Gemeinschaftsverpflegung in Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen ist eine Chance, das Essverhalten von Kindern positiv zu beeinflussen. 5-mal pro Woche kann die Einrichtung durch ein gutes Speisenangebot, gute Rahmenbedingungen und eine hohe Wertschätzung des Essensangebotes (durch die Vorbilder Eltern und Lehrer) das kindliche Essverhalten günstig beeinflussen. Wenn die Angebote stimmen, dann prägen sie die Geschmacksvorlieben der Kinder und Schüler. Häufiges Training im positiven Kontext wirkt nachhaltig auf das Essverhalten. Gute Essgewohnheiten können sich durch die Erfahrung mit gutem Essen entwickeln. Wird das Speisenangebot allerdings allein durch Convenience und Preis bestimmt, sind die Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Verhältnisprävention denkbar schlecht.“

Mühleib meint: Den letzten hier zitierten Satz hat Elrott sicher ganz bewusst gesetzt. Er ist eine Mischung aus Resignation vor dem Faktischen und/oder eine Mahnung an die Bildungs- und Gesundheitspolitik. Politiker bejammern gerne öffentlich den Ernährungs- und Gesundheitszustand unserer Kinder. Wenn es aber im kommunal- bzw. im bildungspolitischen Bereich darum geht, Schulverpflegung so zu gestalten, wie es den Vorschlägen von Elrott und anderen entspricht, spielt plötzlich nur noch der Preis eine Rolle. Abgespeckt wird da in vielen Fällen nur an den Kosten, was meist weder das Gewicht der übergewichtigen Kinder vermidnert noch dem allgemeinen  Ernährungszustand der Kinder insgesamt zu Gute kommt. Das ist zu billig!