Wenn das Klima den Hunger aus den Köpfen der Menschen verdrängt, könnte das Millionen von Menschen das Leben kosten. Noch unmittelbar vor Beginn der Weltklimakonferenz hat die „Aktion gegen den Hunger“ (AGDH) die internationale Staatengemeinschaft aufgefordert, parallel zum Klimaschutz eine nachhaltige Transformation des globalen Ernährungssystems voranzutreiben. Daraus ist bisher nicht viel geworden. „Für viele Menschen insbesondere im Globalen Süden ist die Klimakrise in erster Linie eine Hungerkrise: Hitzewellen, Dürreperioden, Überschwemmungen nehmen zu und zerstören Felder, Ernten und Wasserquellen“ stellt die  AGDH in ihrem Positionspapier zur Klimakonferenz fest. Die Hungernden sind für die 90.000 Teilnehmer der Klimakonferenz trotzdem nur am Rande ein Thema.

Die Agenda in Dubai ist von den Satten gesetzt

Tatsächlich leiden heute immer noch knapp 800 Millionen Menschen weltweit an Hunger. Derzeit sterben nach Schätzungen der UN weltweit jährlich 3 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag an den Folgen von Unter- und Mangelernährung. Die Gesamtzahl der Toten durch Nahrungsmangel dürfte demnach weltweit bei jährlich ca. 20-30 Millionen Menschen liegen. Doch die Agenda in Dubai ist von den Satten gesetzt. Ihr Fokus liegt nicht darauf, die heute vom Verhungern Bedrohten zu retten.  Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass wichtigstes Ziel der Teilnehmer aus dem Speckgürtel der Welt ist, sich selbst vor dem Verlust ihrer Privilegien, Versorgung und Sicherheit in naher Zukunft zu bewahren.

© Yemane Gebremedhin/ Welthungerhilfe© Yemane Gebremedhin/ Welthungerhilfe

Neben dem Streit um die Höhe der CO2 Reduktion und den Zeitpunkt des vollständigen Ausstiegs aus fossilen Brennstoffen ist für die Diskussion akuter Verbesserungen der weltweiten Ernährungssicherheit kein Platz. Sie kommt im Programm der COP 28 allenfalls als Nischenthema vor. Dabei wäre so Vieles auch an kurzfristig wirksamen Maßnahmen möglich. Nötig und  machbar wären z.B.:  • Mehr Mittel für die Nahrungsmittelhilfe in von Hunger akut betroffenen Gebieten • Lebensmittelverluste vermindern: Global gehen rund 30 Prozent der Nahrungsmittel auf dem Weg vom Acker bis zum Teller verloren oder werden verschwendet • Bessere Versorgung der Landwirtschaft mit Dünge- und anderen Betriebsmitteln • erleichterter Kreditzuzgang für die Bauern.

Cop 28 – Misserfolg vorprogrammiert?

Als sich im Jahr 1974 die Mächtigen zu ihrer ersten Welternährungskonferenz versammelten, gaben sie ein großes Versprechen ab: “In zehn Jahren wird kein Mann, keine Frau und kein Kind mehr hungrig zu Bett gehen.” Damals hungerten 920 Millionen Menschen. Der Blick auf die aktuellen Zahlen zeigt: Bis heute – 50 Jahre später – hat das leider überhaupt nicht funktioniert. Beim gegenwärtigen Desinteresse der reichen Nationen an den hungernden Menschen wird sich das auch in den nächsten 50 Jahren nicht ändern.

Dramatisch wäre es allerdings, wenn es den Klimazielen ähnlich wie den Hungerzielen ergeht. Mit Blick auf die Ergebnisse von Dubai sagt Mojib Latif – derzeit der bekannteste deutsche Klimaforscher: „Die COP 28 wird nicht erfolgreich sein, weil der einzige Erfolg wäre, wenn sich alle Staaten gemeinsam dazu bekennen würden, Abschied zu nehmen von den fossilen Brennstoffen bis 2050 oder 2060. Das wird nicht passieren. Und insofern denke ich, wird COP 28 mit der 28. Misserfolg der internationalen Klimakonferenzen werden.“  Simon Still – Chef des UN Klimasekretariats – hat die Teilnehmenden zu ehrgeizigen Beschlüssen aufgefordert: „Um Leben zu retten und im Kampf gegen den Klimawandel das 1,5° Ziel in Reichweite zu halten, brauchen wir einen möglichst ambitionierten Beschluss.“ Weil es dazu kaum kommen wird, könnte man sehr viele Leben retten, indem man den Fokus auf das Naheliegende legt: Mehr und sofortige Maßnahmen gegen den Hunger!

 

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Post Skriptum noch eine brandaktuelle Meldung zum Thema dieses Beitrags:  Nach einem Bericht von aerzteblatt.de haben heute die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, die Kommission der Afrikanischen Union und die UN-Wirtschaftskommission für Afrika und das Welternährungsprogramm WFP im Rahmen einer Pressekonferenz auf der COP28 über die momentan “beispiellose” Ernährungskrise in Afrika berichtet. Demnach sind aufgrund einer sich stetig verschärfenden Nahrungsmittelkrise derzeit in Afrika etwa 282 Millionen  Menschen unterernährt, knapp 20 Prozent der Bevölkerung. Allein seit Beginn der Corona-Pandemie Anfang 2020 sei die Zahl unterernährter Afrikaner um 57 Millionen gestiegen. Das Wachstum von rund 30 Prozent der Kinder sei wegen der Mangelernährung unterentwickelt, heißt es in dem Bericht.