tellerrand Interview: Dr. Andrea Lambeck, Geschäftsführerin des VDOE im Gespräch mit Dr. Friedhelm Mühleib über den #aufschreiernaehrung und seine Folgen.

 

Vor ziemlich genau einem Monat ging durch die Berufsgruppe der Ernährungsfachkräfte ein Aufschrei, der sich unter dem Hashtag #aufschreiernaehrungsberatung in den sozialen Medien viel Gehör verschafft hat. Anlass der Aufregung war ein Detail im Rahmen eines Vorschlags der SPD, die Hartz IV-Grundsicherung durch ein „solidarisches Grundeinkommen“ (SGE) zu ersetzen und parallel dazu Arbeitsplätze insbesondere für Langzeitarbeitslose im öffentlichen Sektor zu schaffen. Zu den möglichen geförderten Tätigkeiten (vergütet mit dem Mindestlohn von 8,84 € pro Stunde) wurden Hausunterhalt, Babysitting, Betreuung von Älteren, Einkaufsdienste für Behinderte, Flüchtlingshilfe und E r n ä h r u n g s b e r a t u n g (!) genannt. Inzwischen ist die Welle der Empörung darüber in den sozialen Medien zwar schon etwas abgeebbt. Dafür haben sich aber die wichtigsten Berufs- und Fachverbände kritisch zum Sachverhalt geäußert und durch Stellungnahmen und offene Briefe gegen die Idee verwehrt, dass eine anspruchsvolle Tätigkeit wie Ernährungsberatung von Menschen ohne jede Ausbildung und fachliche Voraussetzung durchgeführt werden könnte. Dabei hat sich der BerufsVerband Oecotrophologie (VDOE) als größter und wichtigster Zusammenschluss von Ernährungswissenschaftlern und qualifizierten Ernährungsfachkräften Anfang April als erster mit einer kritischen Stellungnahme zu Wort gemeldet. Darin fordert der VDOE, die Idee der Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen aus dem SPD-Konzept des SGE ersatzlos zu streichen.

 

Dr. Andrea Lambeck: „Wir müssen wachsam sein, damit ein solcher Vorschlag nicht doch noch Realität wird.“

 

Für Dr. Andrea Lambeck, Geschäftsführerin des VDOE, ist das Thema mit der Stellungnahme jedoch längst nicht erledigt. Im Gegenteil: Sie will die Diskussion nutzen, um über den gegebenen Anlass hinaus eine breite Debatte über den gesellschaftlichen Stellenwert qualifizierter Ernährungsberatung und –Therapie zu entfachen. Wie das im Detail aussehen kann, skizziert sie im Gespräch mit Dr. Friedhelm Mühleib

 

tellerrand: Der Vorschlag, im Rahmen eines SGE Arbeitslose mit Kurzschulungen und allenfalls Grundkenntnissen in der Ernährungsberatung einzusetzen, hat unter Fachkräften viel Empörung ausgelöst. Mit seiner Stellungnahme hat sich der VDOE eindeutig vor seine Mitglieder gestellt. Wie geht es nun weiter?

 

Dr. Lambeck: Zunächst einmal hat der Fall demonstriert, was das Agieren in den social media Kanälen bewirken kann – auch für die Vertretung der Interessen unserer Berufsgruppe. Ich denke, dass social media das ideale Medium dafür war, das Thema publik zu machen. Aktionen wie der #aufschreiernährungsberatung und die #initiativeproernaehrungsberatung unserer Kollegin Dr. Christina Steinbach haben viele Ernährungsfachkräfte animiert, ihre Kritik öffentlich zu äußern. Das haben wir als Verband aufgegriffen, um nun dort weiterzumachen, wo social media an Grenzen kommt. Aus unserer Sicht ist es jetzt unbedingt wichtig, Entscheider in Politik und Verwaltung mit unserem Anliegen zu konfrontieren. Konkret heißt das: Wir wollen einerseits die zuständigen Ministerien – Bundesgesundheitsministerium, Verbraucherschutzministerium und Ernährungsministerium – für das Thema sensibilisieren. Andererseits müssen wir Abgeordnete aus den Ausschüssen für Verbraucherschutz, für Gesundheit und für Ernährung als Partner für unsere Sache gewinnen, damit das Thema im politischen Bereich Fahrt aufnimmt. Wir hoffen, dass es uns dabei gelingt, die verschiedenen Kräfte für die gemeinsame Sache zu bündeln.

 

tellerrand: Wie wollen Sie es schaffen, die Kräfte zu bündeln?

 

Dr. Lambeck: Gerade der #aufschreiernährungsberatung hat doch gezeigt, dass das möglich ist. Schließlich hat er bewirkt, dass wir jetzt schon Hand in Hand arbeiten. Viele haben die Empörung unter #aufschreiernährungsberatung in den social media-Kanälen geliked und geteilt, danach auch die VDOE-Stellungnahme aufgegriffen und schließlich das Ganze mit der Initiative Pro Ernährungsberatung verlinkt. Wir als BerufsVerband Oecotrophologie übernehmen gerne die Federführung, um noch mehr gemeinsame Aktivitäten auf den Weg zu bringen. Dass einzelne Mitglieder parallel dazu eigene Initiativen starten, würde ich dabei übrigens keinesfalls unterbinden wollen! Ganz im Gegenteil – ich finde jede Initiative dazu gut und wichtig! Ziel muss dabei übrigens sein, Politik und Bevölkerung davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, dass so verantwortungsvolle und voraussetzungsvolle Aufgaben wie die Ernährungsberatung und -therapie von qualifizierten Kräften umgesetzt und durchgeführt werden. Wir werden dafür einen langen Atem brauchen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass das zu schaffen ist.

 

tellerrand: Alleine mit social media Protesten und Gesprächen mit Politikern wird das aber sicher nicht zu schaffen sein?

 

Dr. Lambeck: Natürlich sind Gespräche wichtig, um erst einmal einen Zugang zur Politik zu schaffen. In einem nächsten Schritt müssen wir dann das Thema in die Bundestagsausschüsse bringen. Der Vorschlag der SPD ist sicher ein guter Ansatzpunkt, um grundsätzlich über die Notwendigkeit und die Bedingungen qualifizierter Ernährungsberatung in den Ausschüssen zu diskutieren. Dabei würde ich primär den Gesundheitsausschuss in der Verantwortung sehen. Allerdings ist das Thema auch für den Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz und den Ausschuss für Ernährung relevant, um das Ganze im parlamentarischen Umfeld zu positionieren. Eine Debatte in diesem politischen Rahmen wäre alleine durch die Aufmerksamkeit, die wir damit für unser Anliegen schaffen, eine Riesenchance für uns. Sie könnte den Rückenwind liefern, den wir brauchen, um auch das Interesse der breiten Öffentlichkeit für unser Anliegen zu wecken, das da wäre: Qualifizierte Ernährungsberatung und –therapie ist eine gesellschaftlich relevante Tätigkeit auf der Grundlage einer qualifizierten Ausbildung.

 

tellerrand: Zunächst müsste da allerdings doch die Vorstellung der SPD vom Tisch?

 

Dr. Lambeck: Um das klarzustellen: Wir haben grundsätzlich überhaupt nichts gegen die Idee des SGE und Überlegungen, Langzeitarbeitslose in Lohn und Brot zu bringen. Was allerdings die Auswahl der Tätigkeiten für Langzeitarbeitslose im Rahmen des Konzeptes betrifft, wäre die SPD sicher gut beraten, sich einzugestehen, dass hier zumindest in Bezug auf die Ernährungsberatung ein Fehler unterlaufen ist. Das sollte doch jedem klar sein, der mit klarem Menschenverstand an die Sache herangeht. Dass die SPD diesen Vorschlag tatsächlich streicht, wird sicher trotzdem Zeit brauchen, da auch die Mühlen der Parteien langsam mahlen. Deswegen müssen wir jetzt von Anfang an wachsam sein und schauen, wie wir verhindern können, dass ein solcher Vorschlag nicht doch noch Realität wird. Ganz wichtig ist es für uns, den Kontakt zur SPD-Bundestagsfraktion zu knüpfen, um dort eine Sensibilität für unser Thema zu schaffen. Dabei ist es sicher hilfreich für uns, dass sich auch andere Parteien bereits kritisch zum SGE an sich und konkret zu den vorgeschlagenen Tätigkeiten geäußert haben.

 

tellerrand: Glauben Sie, dass Ihr Verband – der VDOE – diese Aufgabe allein stemmen kann?

 

Dr. Lambeck: Wir wollen und können das als VDOE gar nicht alleine stemmen – wir brauchen eine konzertierte Aktion von allen Kräften, die im Ernährungsbereich unterwegs sind. Zum einen setzen wir auf unsere Mitglieder. Tatsächlich ist das alleine mit social media Aktivitäten nicht zu schaffen. Aber auch wenn wir mit über 4.000 Mitgliedern nur eine kleine Masse sind, kann es viel bringen, diese Masse zu mobilisieren. Kürzlich hat mich ein Mitglied gefragt, ob sie sich auch an die örtliche SPD-Abgeordnete und andere SPD-Politiker wenden soll. Natürlich soll sie! Wenn ein Anliegen von verschiedenen Seiten vorgetragen wird und auch aus dem eigenen Wahlkreis eines Abgeordneten über diesen nach Berlin transportiert wird, ist das immer hilfreich. Zum anderen haben wir bereits den Schulterschluss u. a. mit den Diätassistenten und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), sowie mit QUETHEB geschlossen. Die Diskussion um das SGE und unsere aktuelle Stellungnahme kann nur ein Einstieg in die Diskussion sein. Wir wollen auf jeden Fall noch weitere Verbündete gewinnen, um mehr Öffentlichkeit für unser Anliegen zu schaffen und dabei auch breite Kreise der Bevölkerung darauf autellerranderksam zu machen. Da es um die Qualität und Qualitätssicherung unserer Arbeit geht, sind sicher auch die Krankenkassen und die Zentralstelle Prüfstelle für Prävention (ZPP) sehr wichtige Partner für uns, mit denen wir Seite an Seite für unser Anliegen kämpfen wollen. Wir wissen, dass wir im Vergleich mit anderen Interessengruppen nur wenige sind. Umso wichtiger ist es, dass wir alle an einem Strang ziehen!

 Das Gespräch führte Dr. Friedhelm Mühleib

 

 Zur Person: Die Diplom-Oecotrophologin Dr. Andrea Lambeck ist seit 1. April neue Geschäftsführerin des BerufsVerband Oecotrophologie e.V. (VDOE) in Bonn, nachdem sie neun Jahre lang als Geschäftsführerin der Plattform Ernährung und Bewegung (peb) in Berlin tätig war. Dem VDOE ist sie übrigens schon lange verbunden: Über zwölf Jahre (200-2012) hat sie den Berufsverband für Oecotrophologen, Ernährungs-, Lebensmittel- und Haushaltswissenschaftler als Vorstandsvorsitzende und seit 2012 als Beiratsvorsitzende ehrenamtlich geformt und begleitet. Kontakt: a.lambeck@vdoe.de

 

Foto: © Hans G. Ziertmann

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