Wie könnte es aussehen, wenn sich der Staat stärker in unser Ernährungs- bzw. Gesundheitsverhalten einmischt? Hoffentlich nicht so, wie es die Schriftstellerin Juli Zeh in ihrem neuen, im Frühjahr dieses Jahres erschienenen Roman „Corpus Delicti“ phantasiert: Ort der Handlung ist ein zur Gesundheitsdiktatur mutierter Staat der Zukunft. „Gesundheit führt über die Vollendung des Einzelnen zur Vollkommenheit des gesellschaftlichen Zusammenseins. Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern ist es schon.“ Mit diesen Sätzen zitiert Zeh im Vorwort den (fiktiven) Autor Heinrich Kramer aus seinem Werk „Gesundheit als Prinzip staatlicher Legitimation“. Die METHODE ist das allgegenwärtige Instrument, mit dem die Bürger kontrolliert, observiert und auf Gesundheitskurs gehalten werden. Die METHODE schreibt kontinuierliche Bewegungs- und Ernährungsprotokolle vor. Chips in den Oberarmen der Bürger liefern Tag und Nacht Daten, die von Sensoren weitergleitet und systematisch ausgewertet und interpretiert werden – in dubio contra reum. Fehlverhalten wird mit drastischen Strafen belegt. Einmaliges Überschreiten der Blutwerte im Bereich Koffein wird mit Verwarnungen geahndet, regelmäßiger „Missbrauch“ toxischer Substanzen wie Nikotin oder Koffein zieht Haftstrafen nach sich. Massive Vergehen gegen die METHODE werden mit „Einfrieren auf unbestimmte Zeit“ bestraft.

Wohl bekomms meint: Für Juli Zeh sind diese konstruierten Realitäten nur die Staffage für Widerstand und Scheitern von Mia, der Hauptperson des Romans. Die METHODE lässt keinem eine Chance. Mit einer am Ende vernichteten Mia stellt sich Zeh ganz in die Nachfolge Orwells: Ist der Überwachungsstaat erst einmal installiert, gibt es kein Entkommen mehr. Widerstand ist zwecklos. Zeh suggeriert, dass unsere heutige verunsichernde und überfordernde gesellschaftliche Realität nur allzu leicht einen solchen neuen Totalitarismus provozieren könnte, indem sie Mias Widersacher Kramer philosophieren lässt: „Nach den großen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts hatte ein Aufklärungsschub zur weitgehenden Entideologisierung der Gesellschaft geführt. Begriffe wie Nation, Religion, Familie verloren rapide an Bedeutung. Eine große Epoche der Abschaffung begann … Angst regierte das Leben der Einzelnen, Angst regierte die große Politk. Es war übersehen worden, dass auf jede Abschaffung eine Neuschaffung folgen muss. Was waren die konkreten Folgen? Geburtenrückgang, die Zunahme stressbedingter Krankheiten, Amokläufe, Terrorismus. Dazu eine Überbetonung von privaten Egoismen, das Schwinden von Loyalität und schließlich der Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme. Chaos. Krankheit. Verunsicherung. … Die METHODE hat sich der Probleme angenommen und sie gelöst“.

Fazit: Eine absolut lesenswerte, darüber hinaus spannend inszenierte Vision über den entmündigten Corpus im totalitären Gesundheitsstaat, über das unbesiegbare Streben nach Freiheit, über Widerstand und eine gewissenlose Justiz als gnadenlose Vollstreckerin einer absurden METHODE.

Juli Zeh, Corpus Delicti. Ein Prozess, Schöffling & Co., Frankfurt.

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