Irgendwie hat Bundesernährungsminister Christian Schmidt mitgekriegt, dass es zu viele Übergewichtige in Deutschland gibt. In einem Interview mit der WELT am Sonntag zeigt er sich alarmiert von jüngsten Untersuchungen, wonach der Anteil der Übergewichtigen in Deutschland deutlich gestiegen ist. Nun will er handeln: “Das ist eine bedenkliche Entwicklung. Besonders besorgniserregend ist die zunehmende Zahl fettleibiger junger Erwachsener. Wir müssen der Initiative gegen Fettleibigkeit neuen Schwung verleihen.”

Damit reiht sich der Minister nahtlos in die Reihe der Maulhelden aus der Politik ein, die beim Thema Adipositas gerne große Töne spucken, denen grundsätzlich keine Taten folgen. Genau diesen Sachverhalt kritisiert das Münchner Kompetenznetz Adipositas in einer aktuellen Pressemeldung unter dem Titel „Trotz Warnungen: Politik ignoriert Adipositas-Epidemie“ und wirft den politisch Verantwortlichen „stiefmütterliche Behandlung der Adipositas“ vor. Demnach messen die politischen Verantwortlichen dem Thema Adipositas hierzulande kaum Bedeutung bei, obwohl auch Deutschland die ‚Europäische Charta zurBekämpfung der Adipositas‘ unterschrieben hat.“ Dies zeigt sich unter anderem darin, dass
● die Bundesregierung auf der letzten UN-Konferenz zu nichtübertragbaren Krankheiten (NCD) im Juli 2014 nicht angemessen vertreten war,
● die Bundesregierung das Kompetenznetz Adipositas nicht weiter fördern will
● der Gemeinsame Bundesausschuss kürzlich ein „Disease Management Programm“ (DMP) für Adipositas abgelehnt hat, so dass Betroffene auch weiterhin keinen Anspruch auf eine Behandlung haben und
● die früher umfangreichen Aktivitäten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) über die letzten Jahre hinweg inzwischen nicht mehr existieren: Geld und Mitarbeiter für die Bekämpfung der Adipositas sind auf null reduziert.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Dem Münchner Adipositas-Forscher Prof. Hans Hauner fehlt in der Politik jegliches Verständnis für die Probleme, die wir momentan im Zusammenhang mit Adipositas haben: „Man kann im Grunde von einer Diskriminierung der Menschen mit Adipositas durch die Politik sprechen. Die Komplexität des Problems ruft nach einem gesamtgesellschaftlichen Ansatz, dafür sind Strategien in Zusammenarbeit von Politik mit Betroffenen, Wissenschaftlern, Krankenkassen, Bildungseinrichtungen und anderen Stakeholdern nötig“. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geplante vorzeitige Einstellung der Fördergelder für die bundesweite Expertenplattform „KompetenznetzAdipositas“ ist Hauners Meinung nach ein besonders krasses Beispiel dafür, wie wenig ernst die politischen Entscheidungsträger das Thema nehmen. Eine aktuelle Erhebung der Europäischen Adipositas-Gesellschaft (EASO) zur Wahrnehmung des Themas Adipositas unter politischen Entscheidungsträgern („Policymakers“) in elf Ländern zeigt auf, dass in Deutschland erhebliche Lücken im Wissen über Verbreitung und Gefahren der Adipositas bestehen. 93 Prozent der Befragten wissen nicht, wie viele Deutsche von Übergewicht und Adipositas betroffen sind. Etwa 80 Prozent der für die Studie befragten Entscheidungsträger schätzen die Anzahl der Menschen mit Übergewicht in Deutschland viel zu gering ein. Insgesamt schneiden die deutschen Politiker deutlich schlechter ab als zum Beispiel ihre Kollegen in Dänemark oder England. Der europäische Vergleich zeigt auch, dass andere Länder in Sachen Bekämpfung der Adipositas-Epidemie deutlich aktiver sind als Deutschland.

Christian Schmidt sei noch verziehen. Der weiß halt nach so kurzer Zeit im Amt noch nicht so recht, was er tut. Schmidt sprach sich im Interview dafür aus, Erkenntnisse aus der Psychologie nutzen, um “junge Menschen sanft zu gesünderer Ernährung zu bewegen”. Daran sollten die Schulen genauso mitwirken wie Hersteller oder Einzelhandel. Zudem will er Verpackungen so gestalten, dass sie weniger anregend auf Kinder wirkten. “Und es muss auch nicht unbedingt sein, dass an der Kasse immer die Süßigkeiten liegen.” Wenn Freiwilligkeit zu nichts führe, “müssen wir an Regulierung denken”, sagte Schmidt.

Das ist reine Floskulitits und als solche zudem viel zu kurz gesprungen. Liebe Politiker, die Therapie der Adipositas in Deutschland braucht keine Sonntagsreden mehr. Sie braucht ganz bestimmt auch keine anderen Verpackungen! Sie braucht stattdessen mehr Geld für Prävention, für den Aufbau handlungsfähiger Strukturen und für den Einsatz von qualifiziertem Personal im Bereich der Ernährungsmedizin und Ernährungstherapie. Wohlan denn!

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