Zu viele Lebensmittel wandern auf den Müll. Darüber, dass dies eine skandalöse Verschwendung ist, wird nun seit Monaten geredet und diskutiert. Seit heute ist klar, wer die größten Verschwender und Wegschmeißer sind: Wir – die Konsumenten, die privaten Haushalte. Das geht aus einer Studie des Instituts für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart hervor, deren Ergebnisse Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner heute Morgen der Öffentlichkeit präsentierte. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass in Deutschland rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich weggeworfen werden, was einer Schlange beladener LKW von Köln nach Moskau und zurück entspricht. Das vielleicht interessanteste Teilergebnis: Etwa 61 Prozent der Abfälle entstehen in Privathaushalten. Privathaushalte vernichten damit jährlich größtenteils noch genießbare Speisen im Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro. Im Schnitt sind das 81,6 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Jeweils rund 17 Prozent entfallen auf Großverbraucher – etwa Gaststätten, Schulen und Kantinen – sowie auf die Industrie. Nur 5 Prozent fallen im viel gescholtenen Einzelhandel an.

Mühleib meint: Es ist das Verdienst des Filmemachers und Buchautors Valentin Thurn, das Problem mit seinem Dokumentarfilm „Taste the Waste“ und im begleitenden Buch „Die Essensvernichter“ im vergangenen Jahr ins öffentliche Bewusstsein gerückt zu haben. Dass er vor allem Erzeuger, Industrie und Handel als Übeltäter an den Pranger stellte und die Verbraucher schonte, war leider wenig objektiv. Auch Frau Aigner unterliegt nun wieder dem Reflex, den Konsumenten (.. und potenziellen Wähler) zu schonen. Ihr heute vorgestellter, löblicher und wichtiger Maßnahmenkatalog setzt an vielen wichtigen Stellen an. Die Verbraucher bzw. privaten Haushalte als wesentliche Übeltäter werden jedoch von Forderungen weitgehend verschont. Natürlich bringt es weiter, wenn noch im März zusammen mit der Lebensmittelwirtschaft eine Aufklärungskampagne zum Mindesthaltbarkeitsdatum gestartet wird. Natürlich ist es gut, wenn eine Konferenz Ende März  Vertreter aus der ganzen Wertschöpfungskette von der Landwirtschaft über die Verarbeiter bis zum Handel sowie Verbraucherorganisationen und Kirchen zusammenbringt, um eine vernetzte Strategie zur Reduzierung des Abfalls auszuarbeiten. Natürlich ist es wichtig, wenn Ernte- und Lagerverluste in der Landwirtschaft (geschätzt ein bis zwei Millionen Tonnen) minimiert werden soll. Den Verbrauchern die Leviten zu lesen, traut sich Frau Aigner nicht.

Es stimmt sicher: Mit erhobenem Zeigefinger kommt man meist nicht weit. Trotzdem müssen hier die Verbraucher, müssen wir uns, muss sich jeder einzelne hier ändern, wenn die Verschwendung beendet werden soll. Und wasche keiner seiner Hände in Unschuld: der letzte Schluck Milch aus der Tüte, das trockene Brot, der  leicht schrumpelige Apfel, die drei Kartoffeln und der Rest Suppe von gestern – wer ertappt sich nicht dabei, selbst ab und an bei der Wegwerf-Arie dabei zu sein. Selbstverständlich wird im Aigner-Katalog auch der Ruf nach Ernährungserziehung laut. Doch die muss bei den Erwachsenen ansetzen. In meiner Kindheit war das Wegwerfen von Lebensmitteln tabu. Mutter und Großmutter im ländlichen Haushalt der 60er Jahre waren Meisterinnen der Resteverwertung. Deswegen verkommt bis heute auch bei mir nur wenig.  Wenn sich Schüler und Studenten nach den Ergebnissen der Stuttgarter Studie bei täglichem und mehrmaligem Wegwerfen in der Woche deutlich hervorheben, spricht auch das für den Ansatzpunkt bei den Erwachsenen. Das ist kein Versäumnis der Schule, sondern des Elternhauses. Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen. Dass Kinder und Jugendliche nichts wegschmeißen, was noch genießbar ist, dafür müssen und können die Eltern sorgen. Das sollte, wenn nicht Erziehungspflicht, so zumindest gute und selbstverständliche Erziehungspraxis sein.

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