Wenn es um die bundesweite Umsetzung von mehr Ernährungsbildung geht, sind Politik und Föderalismus für Prof. Ines Heindl die größten Bremsen. Die Oecotrophologin und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Ernährungs- und Verbraucherbildung an der Universität Flensburg kämpft seit nunmehr 35 Jahren für die stärkere Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schule und Erwachsenenbildung. Sie tut das mit außergewöhnlichem Erfolg: Dass Schleswig-Holstein vor drei Jahren als erstes Bundesland das Fach Verbraucherbildung an allgemeinbildenden Schulen eingeführt hat, ist wohl in erster Linie ihrem Einsatz und ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken. Genauso wie ihre ‚Mitstreiterin“ Barbara Methfessel, deren Kritik an der ungenügenden Umsetzung der Ernährungsbildung am vergangenen Freitag hier auf dem tellerrand nachzulesen war, ist sie mit dem Erreichten noch lange nicht zufrieden. In einem Interview für die von mir betreute Zeitschrift der Oecotrophologen, die VDOE POSITION, beklagt sie sich u. a. über die verheerenden Folgen der grassierenden „Projektitis“ und über wenig zuverlässige Politiker. Hier ein Auszug aus dem Interview (das hier in voller Länge nachgelesen werden kann):

Prof. Ines HeindlProf. Ines Heindl: kann schön lachen – aber auch der Politik die Zähne zeigen
© muehleib

Mühleib: Wenn Sie auf 35 Jahre Engagement im Bereich „Ernährungsbildung“ zurückblicken – Was waren die größten Hindernisse auf Ihrem Weg?

Heindl: Die größten Hindernisse hat die Bildungspolitik durch die Art und Weise aufgetürmt, wie man dort mit unseren sorgfältig erhobenen Erkenntnissen umgeht. Die Politik hat uns die Unterstützung, die der Transfer der Erkenntnisse braucht, oft verweigert. Die größten Enttäuschungen habe ich erlebt, weil die Bewältigung langfristiger gesellschaftlicher Herausforderungen immer wieder hinter der Umsetzung tagespolitischer Interessen der jeweiligen Koalitionen zurückstehen musste. Für Sonntagsreden sind solche Themen immer gut, im politischen Alltag stehen sie am Rande. Wir sind längst an dem Punkt, an dem vor allem die Politik handeln muss. Wir haben unsere Arbeit getan. Jetzt braucht es eine Veränderung der Rahmenbedingungen. Politiker sind geübt darin, sich zu entziehen, weniger geübt sind sie im Zuhören. Je höher einer steht, desto schneller ist er wieder weg. Ein paar Grußworte – und schon sind sie verschwunden. Sie geben uns meist nicht einmal die Chance, aufzustehen und uns ihnen zuzuwenden. Das ist frustrierend. Ich fühle mich nicht selten wie in einem Hamsterlaufrad. Bei grundlegenden politisch-gesellschaftlichen Entschei dungen fehlt die Konsequenz des Zu-Ende-Denkens. Im Nachhinein bleibt von vielen Gesprächen mit Politikern nicht mehr als das Gefühl einer großen Zeitverschwendung.

Mühleib: Gibt es denn einen Weg an den Politikern vorbei?

Heindl: Nein. Ohne den politischen Willen lassen sich gesellschaftlich wirksame Veränderungen nicht umsetzen. Damit man diese erreicht, muss man die Realität der politischen Kommunikation akzeptieren. Eine politische Partei sagt etwas, die Opposition hält prinzipiell erst einmal dagegen. Die Meinungen wechseln je nach Couleur derer, die ans Ruder kommen. Als Wissenschaftler muss man sein Anliegen immer wieder von Neuem kommunizieren, geduldig bleiben und lernen, mit Rückschlägen zu leben. Ich habe daraus gelernt, mir Verbündete auf der „zweiten Ebene“ zu suchen. Man findet viele hochrangige Beamte in den Bildungs- oder Wissenschaftsministerien, die an Inhalten interessiert sind, mit denen man sachlich diskutieren kann, die besondere Fähigkeiten haben, politisch Machbares zu erkennen und zu transportieren. Das gehört für mich zum Aufbau funktionierender Netzwerke dazu. Ohne die Bildungspolitik als entscheidender Partner unserer Netzwerke geht es nicht.

Mühleib: Bringen uns denn die vielen wissenschaftlichen Projekte zur Ernährungserziehung in Schulen weiter?

Heindl: Die gegenwärtig herrschende „Projektitis“ ist verheerend. Wir wissen doch schon lange, wie es geht! Was Ernährungsbildung betrifft, ist das durch große Modellversuche aus den verschiedensten Perspektiven alles untersucht – interdisziplinär, pädagogisch, biomedizinisch und naturwissenschaftlich. Nach wie vor hapert es am Transfer und der Umsetzung. Ich sehe, dass man nach wie vor in zahllosen Projekten immer wieder in neue, kleinere Aspekte geht und dabei nur wiederholt, was längst erarbeitet wurde. Das hat auch mit der Einstellung der Geldgeber – z. B. der Kultusminister der Bundesländer – zu tun, die mit Projektergebnissen glänzen möchten. Da werden Projekte gefördert, ohne dass jemand sorgfältig recherchiert hat, was es dazu schon gibt. Was die Gesundheits-,Ernährungs- und Verbraucherbildung betrifft, kriege ich oft genug das kalte Grausen – wenn ich z. B. im Rahmen einer beiratlichen Tätigkeit wieder einmal sagen muss: „Was ist das denn jetzt – das ist doch schon alles untersucht!“ Diesbezüglich erweist sich der Föderalismus als hinderlich! Wenn überhaupt, dann kommt es nur schleppend, manchmal auch gar nicht zu einem Transfer guter Erkenntnisse. Wir haben die Zusammenhänge hergestellt, dargestellt, recherchiert und evaluiert. Es liegt alles vor, aber es kommt nicht zum Transfer – von dem wir zu lange angenommen haben, er werde sich automatisch ergeben. An vielen Stellen geht es immer wieder von vorne los.

 

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