Ein Ernährungssoziologe sollte, zumal wenn er im wissenschaftlich – publizistischen Bereich tätig ist, die wichtigsten Akteure in seinem Spielfeld und deren Positionen kennen. Er sollte z.B. die verschiedenen Gruppen von Ernährungsfachkräften kennen und zumindest ungefähr wissen, wie deren Tätigkeit aussieht und wie diese einzuordnen ist. Der Ernährungssoziologe Dr. Daniel Kofahl  scheint diesbezüglich nicht ganz auf dem Laufenden zu sein. In einem Beitrag der Zeitschrift Cicero ließ er sich mit einem Ausspruch zitieren, in dem er davor warnt, “in das allgemeine Diätassistentenhorn zu rufen und ein irreales Hungerhakenidealgewicht als Nonplusultra zu verklären“. In verständliches Deutsch übersetzt unterstellt er damit, dass Diätassistenten ein unrealistisch niedriges Idealgewicht fordern und verklären, das Patienten zu ‚Hungerhaken‘ macht. Harter Tobak! Die ‚Causa Kofahl‘ schlug Wellen, die auf Kohfahls Instagram-Account* einen kleinen Shitstorm provozierten und auch die Verbandsspitze der Diätassistenten erreichten. Uta Köpcke – nach eigenen Worten „mit Leib und Seele Diätassistentin“ und Präsidentin des VDD – Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband e. V. – plädiert im Interview mit tellerrandblog dafür, nicht weiter über ihn, sondern mit ihm zu reden und spricht darüber, was getan werden muss, um diesem Bild von Diätassistenten in der Öffentlichkeit zu begegnen und es zu ändern.

(…übrigens hat heute morgen die Redaktion von Cicero bereits mit einem sehr fundierten und interessanten Interview mit der Diätassistentin Misava Macamo reagiert. Sehr fair – und man kann das durchaus als Entschuldigung bzw. gelungene ‘Wiedergutmachung’ werten)

 

Uta Köpcke, Präsidentin des VDD, im Gespräch mit Dr. Friedhelm Mühleib

 

 

tellerrand: Wie fühlen Sie sich, wenn jemand, der es eigentlich besser wissen müsste, die Tätigkeit von Diätassistenten provokant in eine ganz falsche Ecke stellt.

Köpcke: Mein erster Gedanke war Entrüstung: ‚Wie kann man sowas bloß sagen? Mir ist dann schnell klar geworden: Meine Wut abzulassen und Herrn Kofahl mal so richtig die Meinung zu geigen, würde kein konstruktives Ergebnis bringen. Stattdessen sollte man schauen, was man daraus lernt und wie man jetzt Gutes daraus machen kann. Ich finde, wir sollten das nutzen, um uns als Berufsgruppe in unserer Außendarstellung zu prüfen und im richtigen Licht zu präsentieren. Natürlich hat Kofahls Zuweisung nicht ohne Grund zu einem Aufschrei unter Kolleg*innen geführt. Diese und ähnliche Zuweisungen erleben wir häufig. Sie sind nicht zuletzt Ausdruck und Folge der gleich zweifach negativ besetzten Berufsbezeichnung. „Diät“ wird selbst von Fachwissenschaftlern – also Menschen, die sich eigentlich auskennen müssten –assoziiert mit Verzicht, Kalorienzählen und Gewichtsreduktion, da braucht es nur noch wenige Beobachtungen, zum Beispiel bei Internetrecherchen, und schon passt es in diese klischeehafte Vorstellung. Es ist schade, dass ihm sowas unterlaufen ist, aber auch bezeichnend. Wir müssen uns als Diätassistenten immer in unserer Aussenkommunikation darüber klar sein, wie schnell Signale von uns so interpretiert werden können – obwohl es selbstverständlich mitnichten so ist, wie er es darstellt.

 

tellerrand: Wie sieht denn eine Wahrnehmung aus, die der Realität entspricht?

Köpcke: Auch wenn die Berufsbezeichnung Diätassistent bzw. Diätassistentin heißt, sind wir Therapeuten und möchten als solche wahrgenommen werden. Wir kümmern uns um Patienten mit ganz vielen verschiedenen ernährungsbedingten bzw. ernährungsabhängigen Erkrankungen. Wir sorgen aber auch präventiv dafür, dass bestimmte Erkrankungen erst gar nicht entstehen. Dabei arbeiten wir prozessgeleitet auf der Basis aktueller Empfehlung, berücksichtigen aber immer die Wünsche und Werte der betreffenden Person – und sind damit meilenweit weg vom reinen Kalorienzählen. Kofahl gibt hier ein Vorurteil wieder, dem ganz viele unterliegen: Wir erleben das ganz oft, dass sich Betroffene nicht zu uns trauen, weil sie denken, dass DIÄT immer etwas mit Abnehmen zu tun hat und wir ihnen die Freude am Essen wegnehmen wollen. Dabei geht es in der Ernährungstherapie ja um viel mehr: Es geht unter anderem darum, Ursachen zu analysieren, Ressourcen und Stärken herauszuarbeiten und zu erfahren, wofür das Essen bei den Klienten eigentlich steht. Aus diesem Blickwinkel ist es ein krasses Missverständnis, wenn uns viele ganz ähnlich wie Kofahl sehen. Im Übrigen steht die von ihm angesprochene Behandlung von Übergewicht und Abnehmen in der Arbeit von Diätassistenten gar nicht an vorderster Stelle. Zu seiner Äußerung, die uns eine rigide Diätauffassung unterstellt, tragen ja leider auch Medien, Möchtegern-Ernährungsexperten und sogar Ärzte erheblich bei. Wir sind in jedem Fall nicht diejenigen, die übergewichtige Menschen immer noch mit den Standardsatz „Essen Sie einfach weniger!“ abspeisen. Da braucht es noch sehr viel Informationsarbeit, um diese Vorurteile uns gegenüber aus der Welt zu schaffen. Wenn uns Patienten dann übrigens erst einmal kennen, sind die fast immer sehr positiv überrascht.

 

tellerrand: Dann wäre „Ernährungstherapeut“ die Bezeichnung, die die Tätigkeit der Diätassistenten viel besser beschreibt?

Köpcke: Tatsächlich ist die historisch entstandene Bezeichnung Diätassistent/Diätassistentin aus heutiger Sicht ein sehr unglücklicher Begriff und die Ursache vieler Missverständnisse. Und zwar im Hinblick auf beide Wortbestandteile. Auf das allgemeine Verständnis von „DIÄT“ bin ich schon eingegangen. Der „Assistenten“-Begriff ist mit einer Hilfstätigkeit assoziiert. Tatsächlich arbeiten wir bei der Umsetzung der Ernährungstherapie eigenverantwortlich. Im Rahmen der angekündigten Gesetzesnovellierung des Berufsgesetzes kämpfen wir für eine neue Berufsbezeichnung, die dem, was wir tun, endlich gerecht wird. In der Bezeichnung Ernährungstherapeut sehen wir zukünftig auch die adäquate Alternative für alle, die in der Ernährungstherapie beruflich tätig und für deren Durchführung nachweislich qualifiziert sind. Jeder Ratsuchende soll künftig sicher sein können: Wo Ernährungstherapie draufsteht, ist sie auch drin – und verbunden mit einer geprüften Qualifikation des Anbieters! Patienten und Verbraucher müssen sich darauf verlassen können, dass jeder, der sich Ernährungstherapeut nennt, eine qualifizierte Ausbildung bzw. ein Studium absolviert und damit und ggf. zusätzlich im Rahmen gezielter Fort- und Weiterbildung die nötige Kompetenz für die Durchführung von Ernährungstherapie erworben hat. Wir wollen und müssen damit auch eine Abgrenzung schaffen, von all den ungeregelten Begriffen wie Ernährungscoach, Ernährungsberater und ähnlichen, die sich am Markt tummeln. Wir wollen uns klar unterscheiden von all diesen nebulösen Angeboten, hinter denen oftmals Kompetenz und Qualifikation fehlen. Deswegen brauchen wir die neue Berufsbezeichnung, die zusammen mit einer entsprechenden Registrierung für Anbieter und Klienten bzw. Patienten hoffentlich endlich Klarheit schaffen wird.

 

tellerrand: Lässt sich das Feld der nebulösen Anbieter damit wirklich lichten?

Köpcke: Damit das tatsächlich funktioniert wäre ein Therapievorbehalt, den wir uns für das Berufsgesetz wünschen, eine zwingende Maßnahme, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn dann wäre klar: Im Gesundheitssystem werden nur die Ernährungstherapeuten zum Thema Ernährungstherapie gefragt. Und klar wäre dann auch, dass alles, was die Krankenkasse bezahlen soll, durch diesen Rahmen definiert wird. Damit wären ganz viele Fragen mit einem Streich vom Tisch – und unser Expertenstatus wäre langfristig sichergestellt.

 

tellerrand: Ein weiter Weg für einen kleinen Verband

Köpcke: Das stimmt. Es wird allerdings nur funktionieren, wenn wir uns gemeinsam mit den anderen Akteuren im Handlungsfeld groß machen. Aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, dass alle Berufsgruppen im Feld   der Ernährungstherapie zusammen in eine Richtung segeln und dabei gut und wertschätzend miteinander kommunizieren und kooperieren. Damit sind wir bereits ein gutes Stück vorangekommen: VDD ,VDOE, VFED haben jeweils ca.  4000 Mitglieder, QUETHEB deutlich weniger. Nicht zu vergessen, dass längst nicht alle Mitglieder ernährungstherapeutisch tätig sind oder in diesem Bereich nicht tätig sein wollen. Alles in allem verfügen die genannten vier maßgeblichen Verbände in der Ernährungstherapie auch gemeinsam nur über sehr begrenzte Ressourcen, sodass wir wirklich zusammenarbeiten müssen, um das Beste herauszuholen. Derzeit arbeiten wir an einem gemeinsamen Wording, um Transparenz über unser Tun zu schaffen und um damit zu vermitteln, dass Ernährungstherapie evidenzbasiert, aber auch unter Berücksichtigung therapeutischer Erfahrung und der Individualität der Person innerhalb eines evaluierten Beratungsprozesses abläuft. Nur so lässt sich die Botschaft der Ernährungstherapie nach außen tragen.

 

tellerrand: Und was wird nun aus der ‚Causa Kofahl‘?

Köpcke: Damit wollen wir konstruktiv umgehen, und deshalb habe ich umgehend Kontakt mit Herrn Kofahl aufgenommen. Ich denke, es wäre ein Fehler, seine Äußerung primär als beleidigend oder gefährlich zu interpretieren. Ich mag sie gerne als Chance nutzen, denn wir als Verband, aber auch die Diätassistenten vor Ort können zwar unsere Berufsbezeichnung nicht ad hoc ändern, aber wir können lernen, mit den entsprechenden Assoziationen umzugehen und unser Außenbild bewusst zu gestalten. Ein überspitzter Blick von außen tut weh und fordert uns heraus, bringt uns dadurch aber auch weiter. Wir konnten Herrn Kofahl als Referent für unseren Bundeskongress vom 22.-24.4.2021 gewinnen. Ich denke, es wird eine spannende Session unter dem Titel „Wie kommt es zu der Außenwirkung von Diätassistent*innen als Hungerhaken-Promoter?“.

 

tellerrand: Frau Köpcke, herzlichen Dank für das Gespräch

@danielkofahl hat den größten Teil der kritischen Kommentare auf seinem Insta-Account inzwischen leider gelöscht.

Leider zeigt WordPress derzeit die Kommentare nicht mehr an – wir haben die ursache noch nicht gefunden – deswegen als Notlösung die aktuellen Kommentare hier unter dem Beitrag:

Wegen einer technischen Probleme ist mein Kommentar leider noch nicht im Tellerrandblog lesbar. Der Einfachheit halber füge ich ihn hier ein, denn ich würde ihn heute genauso schreiben wie gestern. Mit meiner Meinung stehe ich auch nicht alleine da.
“Ich habe das Interview mit Interesse gelesen. Die Diskussion um unsere Berufsbezeichnung ploppt ja immer wieder auf. Ob meine Patienten wirklich den Unterschied zwischen Ernährungsberater oder Ernährungstherapeut bemerken, das wird die Zukunft zeigen, wenn es soweit ist.
Was ich jetzt einmal mit etwas Ironie in den Blick nehmen möchte ist die Tatsache, dass ein Mensch eine Berufsgruppe, nämlich die der Diätassistent*Innen diskreditiert. Dagegen haben wir uns gewehrt. Mit Recht finde ich. Jetzt bekommt er seitens unseres Berufsverbandes eine große Bühne, nämlich die Referententätigkeit auf dem Kongress. Ich weiß nicht ob er dafür eine Aufwandsentschädigung fordern kann oder bekommt? Das sei auch mal dahin gestellt. Ich spinne jetzt wirklich einfach mal weiter… Welche Berufsgruppe suche ich mit denn mal aus, das gleiche Procedere… Bekomme ich dann auch diese Aufmerksamkeit und bringt mich das beruflich in den Fokus? Vielleicht haben Kolleg*Innen noch Ideen oder Gedanken zu meiner Theorie. Ich wünschen allen schon jetzt ein fröhliches (Karneval-)Wochenende.”
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Herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Interview und die Einblicke in die Gedanken- und Vorgehenswelt des VDD bzw. von Uta Köpcke in dem Moment, in dem ein Ernährungssoziologe mal verbal ziemlich ruppig gegen die Gattung Diätassistent schiesst. Ehrlicherweise muss man sagen. dass die ersten Reaktionen auf diesen – wie ich finde – verbalen Fehltritt von Herrn Kofahl – von Diätassistenten selbst kam. Ich persönlich habe auf seinem Instagram-Account einen Kommentar hinterlassen, der ein Gesprächsangebot beinhaltete. Meine BItte war u.a., die Toleranz und Weitblick, die er den Diätassistent*Innen in seiner Diskussion absprach, jedoch gleichwohl von ihnen einforderte, selbst in Hinblick auf die Berufsgruppe walten lassen könnte, sich updaten über die modernen und starken Diätassistent*Innen informieren könne. Seine Rückmeldung darauf war wohlwollend und zugewandt, fast schon devot, er gab mir recht, es wäre berzeichnet, der journalistischen Stilrichtung geschuldet…, Ich dachte tatsächlich, das ist prima, hier kann ein Austausch stattfinden. Es war also genau das, was Frau Köpcke propagiert – mit ihm reden – und er hat ja (anfangs) signalisiert, gerne.  Nachdem ca. 30 Kolleg*innen und weitere meinen Kommentar “geliked” hatten, und auf weiteren Kanälen darüber diskutierten, wurde die Kommentarfunktion unter Herrn Kofahl`s Insta-Account zum Thema erst gesperrt und nach 24 h bestimmte Kommentare gelöscht. Wie schade, kennzeichnet dies für mich nicht wirklich optimale und nach eigenem verbalem Ungutsein Kommunikations- bzw. Auseinandersetzungsbereitschaft des Ernährungssoziologen. Dem Ganzen den Hut aufgesetzt, lud Herr Kofahl Kolleg*innen, die auf ihren Accounts über dieses “No-Go” seines Diätassistenten-Bashings diskutiert und informiert haben, in Kommentaren (die übrigens nicht gesperrt wurden) wortwörtlich zu „Freßgelagen“ ein, in denen man sich dann über die Idealgewichts-Hungerhaken-Diätassistentenhorn-Thematik austauschen könne. Weniger sollte es nicht sein – okay. Weitere Gesprächsangebote lies er unkommentiert – und der Lohn des Ganzen – er ist eingeladen als Referent zum VDD-Bundeskongress im April 2021. Was lehrt uns das: Sei frech und haue – gerne auch öffentlich – auf die Berufsgruppe drauf, und du wirst belohnt und bekommst Plattform und Reichweite. Dies ein Vorgehen, das sich mir nicht sofort erschliesst. Gleichwohl gehe ich absolut konform damit, dass die Gesprächsbereitschaft diejenige ist, die als letztes – bei Herrn Kofahl auf Instagram als erstes – gestoppt wird.  Die gesamte Entwicklung der Kommunikation – auch stetig über das mittlerweile ermüdend langatmige – in den kommenden 10 Jahren nicht zu ändernde Thema der Namensveränderung  – zu plaudern, ist energieraubend, und ein für mich nicht geeignetes Mindset für 2021. Da ist Luft nach oben – lassen wir diese durch das Kofahl`sche Diätassistentenhorn aufsteigen.
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