Gestern war Welthauswirtschaftstag. Darüber geredet hat niemand, nicht einmal die, die dazu unbedingt etwas hätten beitragen müssen. Und wer wäre das gewesen? Für alle, die es noch nicht wussten: Es gibt da zum Beispiel eine Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft (DGH). Die hat offensichtlich zum Welthauswirtschaftstag genauso wenig zu sagen wie der Deutsche Hauswirtschaftsrat und die zugehörige Wissenschaftsdisziplin – die Haushaltswissenschaft. Die ist gegenwärtig – laut Angaben der Website ‚kleinefaecher.de‘ – in Deutschland an immerhin zwölf Universitätsstandorten mit insgesamt 16 Professuren vertreten. Enttäuschend ist dabei vor allem, dass nicht nur am Welthauswirtschaftstag, sondern auch an den restlichen 364 Tagen des Jahres von den Institutionen, Verbänden und der Wissenschaft rund um den privaten Haushalt in einer breiteren Öffentlichkeit nichts zu vernehmen ist. Das ist gerade in der momentanen Zeit des Umbruchs fatal, weil die privaten Haushalte jetzt mehr denn je Unterstützung und Hilfe von denen bräuchten, die Lösungen anbieten könnten. Die Pandemie wäre eine große Aufgabe und gleichzeitig eine riesige Chance für die Haushaltswissenschaft und Institutionen in ihrem Umfeld gewesen. Das hat man komplett vergeigt.

 

Upps – in diesem Haushalt ist wohl ein bisschen was schief gelaufen 🙂     © Stock-Fotografie-ID:108179131 / shaunl

 

Zu ganz vielen drängenden Fragen der privaten Haushalte in dieser Zeit der Unsicherheit und Neuorientierung müsste – diesseits von Sozio- und Psychologie – die Haushaltwissenschaft Vorschläge liefern. Die Entwicklung neuer Konzepte für Familienhaushalt und Hausarbeit im Kontext von Pandemie und gesellschaftlicher Veränderung, Hygienekonzepte für den privaten Haushalt, die Erarbeitung von Modellen für neue Formen des Haushaltens, Wohnens und des nachhaltigen privaten Konsums – all das sind klassische Aufgaben der Haushaltswissenschaft, die im Grunde auch keine andere Disziplin lösen kann. Wenn es darum geht, die Menschen in die Lage zu versetzen, ihren Alltag selbst zu gestalten, ein gutes Wohnumfeld zu haben, mit ihren Finanzen zurechtzukommen und ihre Ernährung aus eigener Kraft sicherzustellen, da fehlt es in Pandemiezeiten mehr denn je an notwendigem Wissen und Können – auch da werden Ideen und Unterstützung aus der Haushaltswissenschaft gebraucht. Nicht zu vergessen die vielen hauswirtschaftlichen Aspekte in Institutionen und Einrichtungen, etwa dort, wo innovative und nachhaltige Verpflegungskonzepte im Bereich von Kitas und Schulen oder für die bedarfs- und bedürfnisgerechte Versorgung älterer Menschen gebraucht werden. Selbstverständlich sind Kritik und Vorschläge seitens der Haushaltswissenschaft auch im Rahmen der Familienpolitik während und nach Corona mehr denn je gefragt. Die Liste der Themen, um die sich Haushaltswissenschaft kümmern müsste, ließe sich beliebig verlängern.

Fazit: Die Institutionen und Verbände der Hauswirtschaft und auch die wissenschaftlichen Repräsentanten der Haushaltswissenschaft haben in der Corona-Krise versagt. Das schadet im Übrigen auch den vielen hauswirtschaftlichen Fach- und Führungskräften – viele davon Haushaltswissenschaftler – die in Einrichtungen und Institutionen zusammen mit den Pflegekräften engagiert und verantwortungsvoll und oft bis an die Grenze belastet ihre Jobs machen, fast ohne von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Natürlich hängt die Misere auch damit zusammen, dass die Notwendigkeit einer Professionalisierung der Hauswirtschaft und parallel dazu einer Stärkung der Haushaltswissenschaft im gesellschaftlichen Diskurs weitgehend ignoriert wird. Das darf aber kein Grund sein, zu schweigen. Und wenn sich die Haushaltswissenschaft nicht selbst durch Unsichtbarkeit abschaffen will, muss sie mehr und lauter und öffentlicher darüber reden, wie sie künftig ihrer tatsächlich enorm wichtigen gesellschaftlichen Funktion gerecht werden will.

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