Sonntagslektüre: „Sterben ist keine Krankheit“ sagt Dr. Michael de Ridder, der seit über dreißig Jahren an verschiedenen Kliniken in Hamburg und Berlin als Internist, Rettungs- und Intensivmediziner tätig ist. Im darauf folgenden Interview in der WELT am Sonntag plädiert er dafür, Sterben wieder als Teil des Lebens wahrzunehmen und anzuerkennen. Seit vielen Jahren setzt er sich aktiv für eine Verbesserung der Palliativmedizin ein und kämpft dafür, Patienten ein würdiges Lebensende zu ermöglichen, wenn sie den Wunsch haben, zu sterben. Statt Todkranke um jeden Preis am Leben zu erhalten, müssten Mediziner de Ridder zufolge lernen, in aussichtslosen Situationen ein friedliches Sterben zu ermöglichen. Ein (strafrechtlich nach wie vor nicht relevanter) Weg dahin, so de Ridder, kann ein begleitetes Sterbefasten sein.

„Sehr kranke oder altersschwache Menschen wollen nicht mehr essen, nicht mehr trinken. Das hat die Natur gut eingerichtet. Die Stoffwechselveränderung, die beim Fasten entsteht, hat einen schmerzlindernden, bewusstseinsdämpfenden Effekt. Anstatt das zu fördern, werden aussichtslos kranken Patienten Magensonden oder Infusionen verpasst. Ärztliche Aufgabe ist nicht Lebenserhaltung um jeden Preis, sondern das Patientenwohl. Ich sehe die Palliativmedizin als größte medizinische Errungenschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie zielt ab auf ein umfassendes Wohlbefinden in den letzten Lebenstagen oder -wochen. Ich hatte einen Patienten hier in Berlin, einen Philosophen, den ich schon viele Jahre kannte. Er hatte eine Leberzirrhose und ein malignes Melanom. Er war natürlich beeinträchtigt, aber er lief herum, aß und trank. Irgendwann war er so weit und sagte: Ich möchte jetzt gehen. Er wählte das Sterbefasten, um mich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Ich habe ihn dabei so gut es ging unterstützt.“  (Nachzulesen im E-Paper der WamS v.16.12.2018 S. 17).

Das spannende, lesenswerte Plädoyer de Ridders für ein selbstbestimmtes Sterben (..in dem das Sterbefasten nur ein Teilaspekt ist) erinnert mich an ein Buch, dass mich sehr beeindruckt hat: „Ausweg am Lebensende“  – so betiteln der Marburger Neurobiologe Dr. Christian Walther und niederländische Psychiater und Sozialwissenschaftler Dr. med. Boudewijn Chabot ihr 2017 bereits in der fünften Auflage erschienenes Buch über selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) . Sie beschreiben darin einen friedlichen, im Grunde natürlichen Weg, das Leben zu beenden. Ein Weg, der nicht einfach und frei von Leiden ist, der aber vor allem dann human und würdevoll ist, wenn er begleitet wird von einem familiären und/oder ärztlichen und pflegerischen Umfeld, das um die Bedürfnisse des Sterbenden weiß. Genau das ist eine der wichtigsten Zielsetzungen der Autoren: Die Basis für eine gute Kommunikation zwischen Patienten, die noch freiverantwortlich für sich entscheiden können und auf dieses Weise aus dem Leben gehen wollen, und den Ärzten, dem Pflegepersonal und den Angehörigen, die eingebunden bzw. beteiligt sind – darunter auch solche, die im Hospizbereich tätig sind. Damit zeigen die Autoren einen Ausweg, der denen möglich ist, die sich der oft qualvollen Lebensverlängerung der Schulmedizin nicht aussetzen wollen und noch dazu in der Lage sind, selbst darüber zu entscheiden. Ein wichtiges Buch, das ich hier auch deshalb vorstelle, weil es auch ein wichtiger Wegweiser für die wachsende Zahl der Ernährungsfachkräfte ist, die sich im Bereich der Palliativmedizin und Hospizarbeit engagieren.

 

Chabot, Chr. Walther, Ausweg am Lebensende: Sterbefasten – Selbstbestimmtes Sterben durch Verzicht auf Essen und Trinken, Ernst Reinhardt Verlag, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage (15. Mai 2017), 200 Seiten, ISBN-13: 978-3497027064, Preis 19,90 Euro.

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