Ein verregneter Sonntag. Schön kühl nach der drückenden Hitze gestern. Lange frühstücken und Zeitungen lesen dabei. Faszinierend: „Auf der Suche nach dem anderen Amerika“ – eine fesselnde Reisegeschichte in der WELT am SONNTAG, geschrieben von zwei Russen aus dem Reich Stalins über ihre Eindrücke aus dem Amerika des Jahres 1935 – Ilja Ilf und Jewgeni Petrow erzählen propagandafrei und in einem wunderbar klaren, erzählenden Stil über den Alltag im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Vieles, was die Russen sehen, ist ihnen sichtlich fremd. Aus ihrer scharfsinnig beobachtenden Distanz klingt alles irgendwie auch ein bisschen so, als würden zwei Marsmännchen von ihrem ersten Besuch auf der Erde erzählen. Die Beschreibung der gastronomischen Gebräuche und Essgewohnheiten außer Haus im Amerika jener Tage nimmt großen Raum in der Geschichte ein. Man sieht in der Erzählung die Esskultur der 30er Jahre förmlich vor sich – und spürt, wie viel sie schon zu tun hat mit dem, was ‚kulinarisch‘ heute in Amerika (..und leider nicht nur dort) passiert. Wer ein bisschen Muße hat: Unbedingt lesen!

Hier ein Stückchen O-Ton der zwei Russen aus den 30ern. So fern, und wie nah das doch alles klingt: Lange begriffen wir nicht, weshalb die amerikanischen Gerichte bei ihrem so appetitlichen Aussehen nicht besonders gut schmecken. Anfangs glaubten wir, die Amerikaner könnten einfach nicht kochen. Dann aber wurde uns klar, dass es nicht nur daran liegt, sondern an der Organisation, ja an der ganzen Natur der amerikanischen Wirtschaft. Die Amerikaner essen schneeweißes Brot ohne jeden Geschmack, Gefrierfleisch, gesalzene Butter, Konserven und unreife Tomaten. Wie ist es gekommen, dass das reichste Land der Welt, das Land der Ackerbauern und Viehzüchter, des Goldes und einer erstaunlichen Industrie, dessen Ressourcen ausreichen, um ein Paradies zu schaffen, nicht in der Lage ist, sein Volk mit schmackhaftem Brot, frischem Fleisch und Butter oder reifen Tomaten zu versorgen?….. In Amerika ist die Volksernährung wie alles andere nach dem Prinzip organisiert, ob es sich rechnet oder nicht. In der New Yorker Gegend bringt es nichts ein, Vieh zu halten oder Gemüse anzubauen. Also isst man Gefrierfleisch, gesalzene Butter und halb reife Tomaten. Für einen Geschäftsmann war es profitabel, Kaugummi zu verkaufen, also gewöhnte man das Volk an Kaugummi.

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