„Die fette Gefahr“ – unter dieser zweifellos etwas boulevardmäßigen Headline schreibt ZEIT-Wissenschaftsredakteur Ulrich Bahnsen in der aktuellen Print-Ausgabe der Wochenzeitung einen Artikel, der ein Schlag ist ins Kontor aller populistischen Leugner der gesundheitsschädlichen Folgen des Übergewichtes vom Typus Udo Pollmer oder Uwe Knop. Es geht in der Geschichte um eine stark unterschätzte Gefahr: Übergewicht als eine Hauptursache für Krebs.

Bahnsen bezieht sich dabei u. a. auf den Heidelberger Krebsforscher und Epidemiologen Rudolf Kaaks, der von einem „regelrechten Paradigmenwechsel“ bezüglich der Beurteilung der Rolle des Übergewichts bei der Krebsentstehung spricht. Stuften internationale Wissenschaftler noch vor 15 Jahren einen Einfluss des Übergewichts lediglich als Spekulation ein, gehe man heute von einem realen Risikobeitrag der Fettleibigkeit von 10 % bis 20 %, bezogen auf die Gesamtzahl aller Krebserkankungen aus.

Leser des Artikels sollten übrigens nicht am ersten Teil der Geschichte hängen bleiben. Während sich der Autor dort immer stärker auf die Erkenntnisse der Epidemiologie als Stütze der neuen Hypothesen versteift, kann der Leser schon mal ins Grübeln darüber kommen, was man so über die beschränkte Aussagekraft rein epidemiologisch gestützter Aussagen weiß. Dann kommt endlich doch noch das Vermisste. Bahnsen berichtet von den Erkenntnissen über Veränderungen bei Übergewichtigen hin zu Stoffwechselprozessen mit kanzerogenem Potenzial: Bei ihnen „wandern mehr Immunzellen in die anschwellenden Fettschichten ein und beginnen, den Organismus mit entzündungsauslösenden Botenstoffen zu fluten. Signalmoleküle wie Leptin, TND-alfa, Interleukin-6 und der Plasminogen Aktivator-Inhibitor 1 stehen unter starkem Verdacht, in verschiedenen Geweben des Körpers unkontrolliertes Zellwachstum und Metastasenbildung zu starten.“ – was Bahnsen dann im Folgenden weiter ausführt und beschreibt.

Leider endet der Artikel dann doch noch ziemlich läppisch, wenn der Autor beklagt, dass Untersuchungen darüber fehlen, ob rigoroses Abspecken das Tumorrisiko vermindert, weil es kaum Versuchspersonen gibt, die dauerhaft abgenommen haben und sich dadurch als Probanden eignen: „Womöglich liegt das auch an der mangelnden Strenge deutscher Hausärzte.“ Bahnsen vermutet, dass sie Diätvorschriften für ihre Patienten ebenso nachlässig handhaben wie für sich selbst: „Die Mediziner sind nämlich selbst fett: Fast 40 % wiegen mehr, als die Richtlinien ihrer Profession erlauben.“ Ob der Autor meint, da müsste der Rohrstock mal wieder her – im Zweifelsfall auch zur Flagellation? Wer glaubt, dass Strenge das richtige Mittel sei, um dauerhaft abzunehmen, hat von modernen Strategien zur dauerhaften Veränderung des Ernährungsverhaltens offensichtlich noch nicht viel gehört.

Die Geschichte ist derzeit leider noch nicht online verfügbar ist – vermutlich wird der Artikel nach Erscheinen der nächsten Ausgabe online eingestellt und sollte dann hier zu finden sein: https://www.zeit.de/wissen/index .

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