Früher musste der Deutsche noch in die Ferne reisen, um gegrillt zu werden. Da zog es die germanischen Massen gen Süden zum Teutonengrill. Heute gilt: The heat ist on – gegrillt wird zu hause. Die Deutschen haben 2009 deutlich mehr gegrillt als in den Jahren zuvor. Rund 178.430 Tonnen Holzkohle seien im vergangenen Jahr aus anderen Ländern nach Deutschland eingeführt worden, teilte das Statistische Bundesamt kürzlich mit. Das sind 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Das lag an den vielen Sonnentagen. Der derzeit universale abendliche Grillgeruch über dem Rheinland lässt mich prophezeien: Das Grilljahr 2010 wird nochmals alle Rekorde brechen. Der größte Teil der Importkohle kam übrigens der Meldung zufolge aus Paraguay – die Gründe dafür sind mir schleierhaft. Ich weiß nur, dass Paraguay am Wochenende in Kapstadt von den Spaniern im Kalträucherverfahren gegrillt werden wird.

Der Grillrekord der Deutschen veranlasste meinen Lieblingskolumnisten Hans Zippert in seiner WELT-Kolumne „Zippert zappt“ dieser Tage zu einigen grundlegenden Fragen: „ Warum grillt dieses Volk so gerne? Wollen die Deutschen sich auf die Hölle vorbereiten, in der sie eines Tages schmoren müssen wie die Bratwurst auf dem Rost? Stimmt man sich auf eine Weltwirtschaftskrise ein, wo man grillen muss, was man zu fassen kriegt? Die Bundesregierung will sicherheitshalber das Recht zum Grillen im Grundgesetz verankern. .,Gestrichen wurde nach Intervention von Jutizministerin Leutheuser Schnarrenberger der Zusatz: Auf deutschem Boden soll nie wieder ein Grill ausgehen.“

Wer sich auf den Grill begibt, muss die Hitze ertragen. Das musste Frau Merkel erst gestern wieder erfahren. Ganz gegrillt sah sie vor dem dritten Wahlgang aus, das armes Würstchen! Im Zeit-Magazin von heute muss ich erfahren, dass nun auch Deutschlands standhaftester Grill-Verächter („Grillen ist ein Kennzeichen der Primitvküche“) schwach geworden ist: Wolfram Siebeck hat einen Grill erworben, zusammengebaut („Das Auspacken ging fast wo einfach wie damals, als ich bei Ikea ein Schreibpult gekauft hatte, das ich selber zusammenbauen musste. Von der Montage blieben eine Narbe sowie ein Kilo Schrauben und Stöpsel zurück”) und in Betrieb genommen. Er wird mit seinen Grill-Erfahrungen in den nächsten Wochen Deutschlands Grill-Gourmets entzücken.

Das Thermometer zeigt glutheiße Außentemperaturen an. Seit Stunden grillt mein Hirn im eigenen Saft – obwohl darin (im eigenen Saft)  ja allenfalls etwas schmoren kann – oder? Bevor es noch schlimmer wird, schalt ich jetzt Rechner und Gehirn aus und schmeiß den Grill an. Wohl bekomms.

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