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Große Aufmerksamkeit hat er nicht erregt, der heutige Anti-Diät-Tag. Ins Leben gerufen wurde er 1992 von der britischen Autorin Mary Evans Young – einer Feministin, die selbst an Magersucht litt. Während es ihr darum ging, die Sinnlosigkeit und Gefährlichkeit von Abmagerungskuren bis hin zum Auftreten lebensgefährlicher Essstörungen anzuprangern, bemächtigen sich inzwischen die Dicken des denkwürdigen Tages. Sie rufen dem schlanken Rest der Welt zu: „Lasst uns Dicke endlich mit Euren Schuldzuweisungen und Verurteilungen in Frieden!“ In diesem Zusammenhang warfen der Verein „Dicke e.V.“ und die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung (GgG) der Bundesregierung im Vorfeld des Anti-Diät-Tages eine massive Diskriminierung übergewichtiger Menschen vor – z. B. durch Schikanierung und Benachteiligung Adipöser im Rahmen der Verbeamtung.

Unterstützung fanden die Dicken bei der Vizepräsidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft, Prof. Martina de Zwaan, nach deren Ansicht Menschen mit Gewichtsproblemen nicht nur diskriminiert, sondern zudem gesellschaftlich stigmatisiert werden: Als Ursache für das Übergewicht werde ungenügende Willensstärke unterstellt. Das löse bei Übergewichtigen schwere Schuldgefühle aus, die in Depressionen, Hoffnungslosigkeit und Resignation münden könnten. In einemInterview mit der taz stellt die Ernährungssoziologin Prof. Eva Barlösius fest: „Essen ist heute das Lebensgebiet, auf dem die strengsten Standards, die stärksten Normierungen gesetzt werden.“ Für sie geht das mit einer nie dagewesenen „Moralisierung“ des Essens einher: „Wir haben Interviews gemacht mit sechs-, siebenjährigen Kindern, die schon präsent haben, dass, wenn sie Süßigkeiten essen, dies eine Form der Sünde sei. Die erklären uns, man sollte eigentlich Obst, Gemüse und Schwarzbrot essen. Die Kinder lernen, das Essen nicht mehr als etwas Selbstverständliches und Natürliches zu begreifen, sondern als etwas, über das ich permanent zu reflektieren habe. Wir wissen aus Studien, dass junge Frauen sagen, wenn sie ihren Körper kontrollieren, dann hätten sie das Gefühl, auch ihr Leben im Griff zu haben. Bei uns zählt inzwischen die Kontrolle über den Körper beinahe mehr als alles andere.“

In Berlin hatte der Verein „Dicke e.V.“ zusammen mit den Teilnehmern des Europäischen Workshops “Body&Peace” dazu aufgerufen, auf die Strasse zu gehen. Das Häuflein unverzagter Dicker, das sich schließlich heute auf dem Alexanderplatz mit ein paar Plakaten versammelte, um Passanten und Medien zum Thema aufzuklären, schaffte es trotz der unverkennbaren Leibesfülle der Teilnehmer kaum, ein größeres öffentliches Interesse auf sich zu lenken. Für die TV-Nachrichten hatte die Aktion wohl auch nicht Gewicht genug. Schade eigentlich – das Anliegen der Dicken hätte tatsächlich mehr Aufmerksamkeit verdient: Denn die offensichtlich immer noch verbreitete Meinung, dass Dicke willensschwache Fresssäcke sind, ist tatsächlich Diskriminierung. Sie entspricht weder den tatsächlichen Ursachen noch trägt sie im Geringsten dazu bei, den Betroffenen zu helfen. Empathie und Verständnis wären stattdessen die wichtigsten Voraussetzungen dafür, Dicke auf dem Weg zum Wohlfühlgewicht zu unterstützen.

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