Bis heute haften die Bilder meiner ersten Besichtigung einer großen Schlachterei in den 70er Jahren lebhaft in meiner Erinnerung. Der Betrieb lag im Lipperland nahe Gütersloh*. Die Schlachterei war ein Schock für mich – so viele tote, halbierte, geköpfte, an Stahlhaken hängende Tiere. Dazwischen – auf den jungen Studenten bedrohlich wirkende – Männer mit weißen Ganzkörper-Gummischürzen, ärmeltiefen grauen Handschuhen, schwarzen Gummistiefeln, die mit Kettensägen, Messern und Beilen hantierten. Noch stärker als die Bilder hat sich der Schlachtgeruch eingeprägt – die in allen Schlachthöfen gleiche üble Mischung aus dem penetranten Geruch nach Blut, Därmen, Innereien, Brühwasser, Reinigungsmitteln. Ein Geruch, den nicht nur die zart Besaiteten unter uns als ekelhaft empfanden.

 

Blutiger Knochenjob: Ohne das Zerlegen der Schlachtkörper kein Schnitzel in der Pfanne.            ( Foto: Adobe Stock – shellygraphy)

 

Wir – das waren gut dreißig Studierende des vierten Semesters Oecotrophologie in Bonn, unterwegs auf Exkursion im Lipperland, wo man auf urige Kornbrände und  deftige Schinken stolz ist. Der heimatverbundene Dozent – ein Kind der Region – wollte uns die kulinarischen Schätze seiner Heimat präsentieren und zudem zeigen, wie kleine und mittlere Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft funktionieren. Am Abend folgten heftige Diskussionen über ethische Fragen, Fleischkonsum, Arbeitsbedingungen der Menschen, notwendigen Fleischverzicht und die Bekundung spontaner Übertritte zum Vegetarismus. Vom Tierwohl war damals noch kaum die  Rede. Umso mehr hat uns die Frage beschäftigt, wie es Menschen gehen muss, die Tag für Tag eine – wie es uns damals schien – unerträgliche Arbeit verrichten müssen. In den Schlachthöfen – vor allem den großen – hat sich in der Zwischenzeit viel getan: optimierte Prozesse, moderne Ausstattung, Hygiene nach Vorschrift. Reicht das, um die Situation der Menschen zu verbessern, die dort arbeiten?  Bei allem Fortschritt haben sich die Arbeitsbedingungen der Menschen  in den Schlachthöfen  nur wenig geändert. Töten, zerteilen, entbeinen – das ist noch immer die Arbeit, die dort erledigt werden muss. Schlachthöfe riechen noch immer nach Blut, Fleisch und Tod.

Julia Klöckner, die zuständige Ministerin, ist als ehemalige Weinkönigin wohl eher die feineren Aromen gewohnt. Ob sie jemals eine Großschlachterei betreten hat – nicht als Festrednerin, sondern mit Blick auf die Menschen und ihre Arbeitsbedingungen? Angesichts der halbherzigen Lippenbekenntnisse, die als Ergebnis des von ihr in der vergangenen Woche einberufenen Fleischgipfels vorgestellt wurden, darf man das bezweifeln. Liest man die entsprechenden Presseberichte, stand das Tierwohl im Mittelpunkt des Gipfels. Tote Tiere brauchen keine besseren  Bedingungen mehr. Die Menschen, die die toten Körper verarbeiten,  brauchen dagegen unbedingt eine nachhaltige Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen. Es waren nicht die geschlachteten Tiere, die an Corona erkrankt sind. Um die Beschäftigten als Hauptleidtragende des aktuellen Skandals scheint es allerdings beim Fleischgipfel nur am Rande gegangen zu sein. Die diskutierte Erhöhung der Fleischpreise um 40 Cent pro Kilogramm dürfte wohl kaum ausreichen, um zum einen die Ausbeutung  der Arbeiter in den Schlachthöfen zu beenden und gleichzeitig mehr Tierwohl zu finanzieren. Wichtig wäre es jetzt, möglichst schnell zentrale Rahmenbedingungen zu ändern: Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in der Fleischwirtschaft. Verbot von Dumpingpreisen im Lebensmittelhandel. Zudem muss Auspressen von Erzeugern und Verarbeitern durch den Handel  enden. Wie die Medien berichten soll das Thema jedoch erst im September wieder auf der Agenda der Ministerin stehen – im Rahmen der Konferenz der Agrarminister der Bundesländer.

Für mehr Tierwohl könnten in erster Linie wir  Verbraucher sorgen – indem wir unser Verhalten ändern. Fleisch – die Hälfte reicht! Das würde dem Tierwohl nutzen, käme einer nachhaltigen und klimafreundlichen Ernährung entgegen und könnte die Basis schaffen für Veränderungen  in den großen Schlachthöfen. Aktuellen Umfragen zufolge plädieren wieder einmal 90% der Befragten voller Empörung für drastische Veränderungen und gesetzliche Maßnahmen. Wem es mit diesen Forderungen ernst ist, dem sollte es nicht wirklich schwerfallen, auf die Hälfte seines Fleischkonsums zu verzichten – und für  die andere Hälfte  mehr Geld auszugeben, so viel, wie für die nötigen  Veränderungen gebraucht wird.  .

 

*Das Ziel unserer Exkursion in den 70ern war übrigens  nicht Tönnies. Die fingen damals gerade erst an, aus dem noch kleinen Handwerksbetrieb herauszuwachsen.

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