Große Freude bei den Verfechtern einer pflanzenbetonten Ernährung – laut den neuesten Zahlen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ist der Fleischverzehr der Deutschen auf den niedrigsten Stand seit dreißig Jahren gesunken. Im Web stellen Ernährungsexperten begeistert fest: Wir sind auf dem richtigen Weg! Wenn sich die Experten da mal nicht täuschen. Zu den Details: Niedrigster Stand seit 30 Jahren – hört sich toll an, ist aber mit 57,3 kg nur 1,5% weniger als im vergangenen Jahr und knapp 5% weniger als im Durchschnitt der letzten 20 Jahre. Natürlich ist auch das ein Fortschritt – beim Dauerfeuer der Ernährungsexperten, die (mit guten Gründen) weniger Fleisch in der Ernährung empfehlen, hätte man sich allerdings einen deutlicheren Rückgang erhofft.

 

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Hinzu kommt, dass die Statistik zwei „Sondereffekte“ des Corona-Jahres nicht ausweist, die den Fleischhunger der Deutschen vermutlich gedämpft haben dürften: Mit dem Grillen ist einer der wichtigsten Verzehrsanlässe für Fleisch im vergangenen Jahr fast komplett der Pandemie zum Opfer gefallen: Es wurde kaum noch gegrillt, weil niemand mehr Gäste einladen durfte und Grillpartys mit viel Fleisch, aber ohne Gäste ziemlich langweilig sind. Sobald Gäste wieder im üblichen Rahmen eingeladen und bewirtet werden dürfen, dürften zahllose Grillpartys steigen und mit ihnen der Fleischverzehr. Während nur 20 Prozent der Befragten einer Studie von Forscherinnen der Ludwig-Maximilians-Universität in München für sich allein Fleischgerichte kochen, tun es doppelt so viele, wenn sie Besuch erwarten.

Auch im Restaurant wählen die Befragten dieser Studie eher eine fleischige Speise – um sich etwas Gutes zu tun, weil Fleisch ihrer Meinung nach im Restaurant besser zubereitet wird oder weil man sich etwas Besonderes gönnen will. Die Forscherinnen vermuten, dass es beim Fleischkonsum häufig weniger um persönliche Werte geht, sondern stattdessen sehr viel stärker um den sozialen Kontext. “Was ich esse hängt davon ab, welche Bilder für mich bei gesellschaftlichen Ereignissen mitschwingen und welche Konventionen ich kenne”, sagt Mitautorin Gesa Biermann und erklärt: Wer unterstreichen will, dass es sich um einen wichtigen Abend handelt, wählt eher das Steak von der Speisekarte; und wer seinen Gästen zeigen will, dass sie willkommen sind, serviert lieber einen Braten, als eine vegetarische Platte. Aufgrund dieser Konventionen glauben die Autorinnen auch nicht daran, dass der Fleischverzehr allein durch aufklärende Informationskampagnen, Preisveränderungen und ein größeres vegetarisches Angebot in Restaurants gesenkt werden kann. Dafür brauche es beispielsweise entsprechende Rollenvorbilder: “Weil Menschen gerade im Restaurant mehr Fleisch essen, könnten Starköche und Restaurantbesitzer helfen zu zeigen: Auch mit einem vegetarischen Gericht könnt ihr euch etwas Gutes tun, das passt ebenso zu eurem besonderen Anlass.”

Das hört sich allerdings eher nach einem Verlegenheitsvorschlag an. Es bleibt leider dabei: Wenn es darum geht, den Fleischverzehr auf ein gesundheitlich und ökologisch vernünftiges Maß zu reduzieren, sind wir noch immer sehr weit vom Ziel entfernt. Die ‘Inzidenzzahl’ fällt – muss aber im Grunde halbiert werden: Fleisch – die Hälfte reicht. Denn derzeit verzehrt der Durchschnittsdeutsche trotz Rückgang des Fleischverzehrs immer noch doppelt so viel Fleisch, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als angemessen im Rahmen einer gesunden Ernährung empfiehlt.

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