„Mit der Nahrung geht auch die Würde verloren“. In einer der vielen bewegenden Szenen des neuen Filmepos von Edgar Reitz „Die andere Heimat“ kehrt der Hunsrücker Graveur Franz Olm im Jahr 1843 nach monatelanger Kerkerhaft zu Frau und Kindern zurück und bricht, noch vom Hunger gezeichnet, mit diesem Gedanken am Tisch der Familie zum ersten Mal wieder frisches Brot.

Ein großartiger Film, mit großen Bildern, die ihren unmittelbaren Weg in die Seele des Betrachters finden. Wer je die Schwerkraft von Heimat und die Macht der Sehnsucht erfahren hat – damals vielleicht, als wir noch nicht satt und bequem und ersoffen im Konsum waren – muss tief berührt von diesen Bildern sein. Mit ruhiger, einfühlsamer Hand wird hier davon erzählt, dass die Freiheit in Dir drinnen stärker sein kann als Unglück und Unrecht um Dich herum. Es wird erzählt von Not, Armut, Krankheit, Tod und von vielen, die daran verzweifeln und scheitern, aber auch davon, wie Verantwortung, Liebe, Hoffnung und Sehnsucht helfen können, auch schlimmste Umstände und Schicksalsschläge zu überleben. Reitz gelingt es, das alles zu erzählen ohne Sentimentalität und Pathos, ohne Sozial- oder sonstige Romantik. Nüchtern fast und ohne Beschönigung schildert er das Leben jener Zeit voller Entbehrungen in dieser Geschichte, in der es mehr Scheitern als Gelingen gibt – wie im echten Leben eben.

Ein großer, ein bewegender Film, der nebenbei auch von unserer Nahrung erzählt. Der daran erinnert, was es bedeutet, zu bitten: Unser täglich Brot gib uns heute. Der an nicht allzu lang vergangene Zeiten erinnert, in denen die Menschen nur das zu essen hatten, was sie mit der eigenen Hände Arbeit aus dem kargen Boden holten. Man ernährt sich karg von Krumbiere mit Kässchmier (Kartoffeln mit Quark), und Leckschmier (Pflaumenmus) auf dem Brot ist schon ein Luxus. Immer gibt es zu wenig. Wie sie sich gleichen, die Gesichter aus der ‘anderen Heimat’ und die auf den vergilbten Fotos im Album meiner Urgroßeltern: die Leinenhemden unter den dunklen Arbeitstrachten, die Gesichter hart, von Wind und Wetter gegerbt, und trotzdem ruhig, irgendwie freundlich. Bauern aus Rheinessen. 110 Jahre ist das her, 60 Jahre, nachdem Edgar Reitz seinen Jakob Simon von Brasilien träumen lässt und sein Bruder Gustav dorthin auswandert.

Ich erinnere mich an eine kleine Begebenheit im vergangenen Jahr während einer Reise durch den Süden Brasiliens auf dem Markt von Florianopolis, unweit von Blumenau – der brasilianischen Stadt, in der heute noch die Nachkommen der Siedler aus dem Hunsrück leben, und wo bis heute altes Hunsrücker Platt gesprochen wird. Dort auf dem Markt von Florianopolis also plötzlich vertraute Töne: „Sinn ihr vun Deidschland? Mir kumme vum Hunsrick, unser Urgroßellern sinn von do. Mir hawe hei die schenschte Krumbieere un die greschte Murde.“ Eine kleine Begegnung, die jetzt einen ganz neuen Sinn bekommt. Wie fern alles und wie nah, wie lange her und wie eben erst. Viele Grüße ins Jetzt und in die Vergangenheit, nach Blumenau, an den Rhein und in den Hunsrück.

“Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” – unbedingt anschauen!

 

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