Schaut man sich den aktuellen „Selbstversorgungsgrad“für die wichtigsten Lebensmittelgruppen in Deutschland an (siehe Grafik) könnte man doch eigentlich beruhigt sein – oder? Rein rechnerisch deckt die heimische Produktion knapp 85 Prozent der in Deutschland verbrauchten Lebensmittel. Bei Getreide, Milch oder Zucker liegt der Wert sogar über 100 Prozent. Deutschland produziert hier mehr, als im Inland verbraucht wird. Allein bei Obst und Gemüse wäre demnach die Vesorgung nach kurzer Zeit gefährdet. Das lässt sich herauslesen aus kürzlich veröffentlichten Infografik des Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) zum Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln in Deutschland im Jahr 2024:
Grafik: BLETatsächlich macht uns ein hoher Selbstversorgungsgrad im Krisenfall leider nicht unabhängig von Importen. Der Selbstversorgungsgrad ist eine rein statistische Kennzahl. Er setzt die inländische Produktion ins Verhältnis zum Verbrauch. Er sagt jedoch nichts darüber aus, wie robust Lieferketten sind, wie saisonabhängig Produkte verfügbar sind oder wie sich Konsumgewohnheiten verändern würden, wenn Importe ausfielen. Ein hoher Durchschnittswert bedeutet also nicht automatisch Autarkie. Die Unterschiede zwischen einzelnen Produktgruppen sind erheblich. Während Grundnahrungsmittel wie Getreide oder Kartoffeln in ausreichender Menge erzeugt werden, liegt der Selbstversorgungsgrad bei Obst bei nur rund 20 Prozent, bei Gemüse bei etwa 40 Prozent. Zitrusfrüchte, viele Beeren oder Wintergemüse außerhalb der Saison sind klar importabhängig. Ein längerer Importstopp würde daher zwar nicht zu Hunger führen, wohl aber zu spürbaren Einschränkungen in Vielfalt und Auswahl der Lebensmittel.
Zudem ist Ernährungssicherheit mehr als reine Produktionsmenge. Sie umfasst Verfügbarkeit, Zugang, Preisstabilität und funktionierende Logistik. Auch eine rechnerisch ausreichende Getreidemenge hilft wenig, wenn Transport, Verarbeitung oder Energieversorgung gestört sind. Hinzu kommt die Abhängigkeit von Importen bei Futtermitteln – etwa Soja, das für die Tierhaltung benötigt wird. Der Staat hält strategische Reserven an lagerfähigen Grundnahrungsmitteln vor, insbesondere Getreide und Hülsenfrüchte. Ergänzend wird privaten Haushalten eine Vorratshaltung für etwa zehn Tage empfohlen. Diese Maßnahmen erhöhen die Resilienz für eine gewisse Zeitspanne, ersetzen aber keine dauerhafte Autarkie.
Fazit: Deutschland ist von der verfügbaren Nahrungsmenge her betrachtet relatiuv gut abgesichert, aber nicht vollständig unabhängig. Der hohe Selbstversorgungsgrad signalisiert Stabilität – jedoch keine Abschottung. Ernährungssicherheit entsteht nicht durch nationale Isolation, sondern durch Diversifizierung, Kooperation und vorausschauende Krisenplanung. Gleichzeitig ist eine angemessene Notfallvorsorge auf Verbraucherseite sinnvoll und notwendig: Ein überschaubarer Vorrat haltbarer Lebensmittel und Trinkwasser schafft Sicherheit im Alltag und macht die Überbrückung kurzfristiger Störungen möglich und hilft damit, Panik zu verhindern..
Dr. Friedhelm Mühleib



