Vor kurzem haben sich Deutschlands Kinder- und Jugendärzte in die Phalanx derer eingereiht, die in tiefer Betroffenheit das Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen bejammern. „Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun“ – so lautet der Schlachtruf, mit dem sie nun in den Kampf ziehen. Das „Wir“ in diesem Schlachtruf versteht sich wohl eher metaphorisch. Denn mit diesem „wir“ meinen die Pädiater keineswegs sich selbst, sondern vor allem Politik, Staat, Institutionen und Lebensmittelwirtschaft. Die werden als Schuldige dafür ausgemacht, dass es so viele übergewichtige Kinder gibt, und die sollen es jetzt gefälligst auch wieder richten.

 

 

Das Wehklagen der Ärzte mündet in eine Reihe von Forderungen, die ausschließlich an diese „Schuldigen“ gerichtet sind: Die Politik muss gesundheitsfördernden Lebensstil fördern und schützen. Für das Mittagessen in Kita und Schule müssen Mindeststandards eingeführt werden. Lebensmittel müssen einfacher und verständlicher gekennzeichnet werden. Eine Werbekontrolle für die Zielgruppe „Kind“ muss her und selbstverständlich braucht es unbedingt eine Zuckersteuer. So weit so gut. „Von der Politik gesetzte Regeln sollten beim Essen die gesündere Wahl zur leichteren Wahl machen, womit das Adipositasrisiko deutlich gesenkt werden kann“, kommentiert Prof. Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) die Forderungen. Da sträubt sich dem Leser das Nackenhaar: Wer möchte das wohl erleben, dass die Politik die Regeln beim Essen setzt? Gebt bitte der Politik um Gottes willen keine weiteren Anlässe mehr, katastrophal zu scheitern.

Und wie wollen sich die Doctores nun selbst auf den Weg vom Nichtsun zum Handeln begeben? Wer lauthals verkündet, „wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun“, von dem darf erwartet werden, dass er Ideen für den eigenen Beitrag zur Lösung des Problems präsentiert, bevor er nach Staat und Politik ruft. Von eigenen Aktivitäten ist im Aufruf nirgends die Rede. Dabei sind sie es, die Kinderärzte, die am nächsten dran sind, wenn Kinder anfangen, dick zu werden. Sie dürften sich also gerne an der eigenen Nase packen, wenn es um die Diskussion von Versäumnissen in den letzten Jahrzehnten geht. Daran verschwenden sie keinen Gedanken – keine Spur von schlechtem Gewissen oder Selbstkritik. Informationen darüber, was die Pädiater bisher dafür getan haben, um dem Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen medizinisch zu begegnen, sucht man vergebens. Zur Therapie von Fettsucht/Adipositas findet man auf ihrer Website „Kinder- und Jugendärzte im Netz“ nur ein paar magere Seiten.

Pädiater mit Weiterbildung zum Ernährungsmediziner sind nur vereinzelt zu finden – was bei den übrigen auf eine entsprechend geringe Kompetenz zur erfolgreichen Behandlung kindlicher Adipositas schließen lässt. Den Weg der Zusammenarbeit mit qualifizierten Ernährungsfachkräften – vielleicht die beste und unkomplizierteste Option im Umfeld des Themas – beschreiten ebenfalls nur wenige. Eigentlich eine gute Gelegenheit für die Berufsverbände der Ernährungsfachkräfte – allen voran der BerfusVerband Oecotrophologie (VDOE) und der Verband der Diätassistenten (VDD) – den Kinder- und Jugendärzten anzuklopfen, um mit ihnen über mehr und bessere Kooperation zu sprechen. Und wann, wenn nicht jetzt, wäre für selbständige Ernährungsfachkräfte auch unabhängig von ihren Verbänden ein besserer Zeitpunkt, mit Pädiatern über Zusammenarbeit in der Therapie adipöser Kinder zu reden? Sie können es sich schließlich nach eigenem Bekunden nicht leisten, nichts zu tun!

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