Thomas de Maiziere hat endlich den lange ersehnten Zehn-Punkte-Katalog zur deutschen Leitkultur vorgelegt. Der sollte dringend ergänzt werden durch zehn Punkte zur deutschen Esskultur. Tellerrand geht in die Offensive und bringt einen ersten Vorschlag in die Debatte ein

● Mit vollem Mund spricht man nicht ● Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt! ● Der Teller wird grundsätzlich leergegessen ● Gegessen wird mit Messer und Gabel ● Gekaut wird mit geschlossenem Mund. Schmatzen und Schlürfen sind verboten ● Einmal pro Woche gehört Schweinefleisch auf den Tisch ● Während des Essens sind die Füße unter dem Tisch still zu halten. ● Beim Essen sitzt man gerade (Ausnahme: Menschen mit Skoliose-Attest) ● Aufgestanden wird erst, wenn alle fertig sind. ● Bier wird ausschließlich nach dem Reinheitsgebot gebraut.

So weit der ironische Teil dieses Beitrages, der eigentlich nur sagen will: Was vorbei ist, ist vorbei – das helfen auch keine zehn Punkte. Wer – wie ich – in einer Zeit groß geworden ist, in der man tatsächlich noch still sitzen musste bei Tisch, in der noch die ‚klassischen‘ Werte des Bildungsbürgertums galten ( ‚gutes‘ Benehmen, Höflichkeit, Bildung und so weiter und so fort), der könnte bei der Lektüre von De Maizieres zehn-Punkte-Katalogs nostalgisch werden. Der könnte  glatt vergessen, dass dieser Plan angesichts der aktuellen Integrationsprobleme entstanden ist und stattdessen in einer ganzen Generation junger Deutscher die Adressaten sehen.

„Wir geben uns zur Begrüßung die Hand“ – so steht es in einer von De Maiziers Thesen. Das erinnert mich an ganz alte Zeiten. In meiner Kindheit und Jugend war es (zumindest im ländlichen Umfeld) üblich, dass sich auch fremde Menschen freundlich grüßten – als Zeichen von gegenseitgem Respekt. Heute laufen die meisten gruß und -blicklos aneinander vorbei. Für das Gros der Jugendlichen scheint man als Erwachsener gar nicht mehr zu existieren.

Macht es Sinn, sich über diesen und andere Verluste aufzuregen oder zu beschweren? Einige von De Maiziers Thesen klingen, als wolle er Zeiten, Sitten und Werte beschwören, die unwiederbringlich vergangen sind. Für eine Gesellschaft, in der das Miteinander funktionieren soll, ist eine Leitkultur dennoch wichtig. Die kann aber nicht mit Werten von gestern kommen. De Maiziere weiß das auch, und hat deshalb der BILD gesagt: „Ich will mit diesen Thesen zu einer Diskussion einladen“. Genau das ist nötig: Eine breite Debatte darüber, wie deutsche Leitkultur im 21. Jahrhundert aussehen kann.

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