Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) hat in der vergangenen Woche an die Kultusminister der Länder appelliert, ein eigenes Schulfach „Ernährung“ zu schaffen. „Jedes Kind soll das Einmaleins einer gesunden Ernährung lernen – unabhängig von der Herkunft und vom Schultyp“, heißt es in einem Brief des Ministers an die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brunhild Kurth. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Die Kultusministerkonferenz (KMK) lehnte nur zwei Tage später ein eigenes Schulfach „Ernährung“ ab. „Die Einführung eines Schulfaches ist Sache der Länder und wir müssen uns auch fragen, ob wir damit nicht die Schulen überfrachten“ so die knappe Begründung von Kurth.

In seinem Artikel „Dicksein verboten“ in der heutigen WamS kritisiert der Journalist Reinhard Mohr Schmidts Vorstoß als weiteren Versuch staatlicher Bevormundung und eine Art von Entmündigung. Doch schon die Headline zeigt, dass der Autor wenig verstanden hat. Der Ernährungsbildung geht es nicht ums Dünnbleiben oder Dicksein. Das aber versucht Mohr gar nicht erst zu verstehen, geschweige denn es dem Leser zu erklären. Stattdessen watscht er lieber den Minister ab: „Des Ministers gut gemeinter Vorstoß ist ein Symptom unserer Zeit, ein weiterer Versuch, individuelles Verhalten von Staats wegen pädagogisch zu lenken und zu formen, womöglich zu reglementieren, das sich früher ganz selbstverständlich im Kreise der Familie und der Freunde gebildet hat – in der Wirklichkeit des täglichen Lebens, in der traditionellen Weitergabe von Wissen und Erfahrung. Nicht zuletzt: von Geschmack.“

Dann beklagt der Autor erst einmal das gesamte Ernährungselend der Welt. Er geißelt den „hysterischen Daueralarm, der eher abstumpft als wach macht. Ständig wird vor Lebensmitteln gewarnt, als wären sie das pure Gift.“ Er regt sich über eine Bio-, Wellness- und Gesundheitslobby auf, die das Öko-Paradies ausrufen möchte,“ in dem niemand mehr ungesund lebt und das Lebensglück darin besteht, absolut nichts ‚Falsches‘ mehr zu tun, zu essen oder zu trinken.“ Die Folge, so Mohr, sei der Verlust der Eigenverantwortlichkeit: „Die Idee, dass jeder Mensch, sogar Kevin und Sven-Oliver, für das, was er gern essen oder trinken möchte, selbst verantwortlich ist, gerät immer mehr unter die Räder einer Gesellschaft, die das Gute will – und dabei zu oft das Schlechte schafft.“ Und die Lösung? – Sieht Mohr in einer abgedroschenen Phase, die man nicht mehr hören kann: „Selberdenken. Schauen. Überlegen. Fragen. Riechen und schmecken. Dann kommt das gute Essen von allein.“ Grundsätzlich ist das ja richtig. Aber was bitte, sollen Kinder und junge Menschen selber denken, wenn ihnen jede Grundlage als ‚Stoff‘ für das Denken fehlt? Wohin sollen sie schauen? In die Regale des Supermarkt, und sich vom Aussehen verführen lassen, weil sie von den Inhalten nichts verstehen? Was und wen sollen sie fragen, wenn es nirgendwo jemanden gibt, der die Antwort weiß? Was sollen sie riechen und schmecken, wenn ihnen nie jemand beigebracht hat, wie das geht?

All das hat sich früher tatsächlich ‚ganz selbstverständlich im Kreise der Familie und der Freunde gebildet‘ – da hat Mohr sicher Recht. Doch inzwischen ist all das in ganz vielen Fällen, Familien verloren. Kochen, riechen, schmecken, Qualität erkennen, genießen – all das kommt nicht von selbst. Man muss es lernen, damit man nicht auf die falschen Einflüsterer hört. Und weil all das eben nicht mehr selbstverständlich ist, wird die Ernährungsbildung dringend gebraucht. Wer sonst soll es den Kindern und jungen Menschen vermitteln? Das Wissen, Fertigkeiten, Fähigkeiten, Erfahrung im Umgang mit Essen un Trinken wachsen nicht von selbst wie Äpfel am Baum. Mohr sieht die Ernährungsbildung dagegen als Teil der „Entmündigung des Einzelnen, der sich stets neuen Parolen, Warnungen und Vorgaben unterordnen soll und dabei das Gefühl und die Aufmerksamkeit für den eigenen Körper verliert.“ Ernährungsbildung – das sei Herrn Mohr gesagt – will genau das Gegenteil!

Übrigens: Bevor ich’s vergesse, will ich wenigstens umreißen, was Ernährungsbildung ist, auch wenn sich’s ein bisschen kompliziert liest: Ernährungsbildung bzw. ihre Didaktik „stellt den essenden und trinkenden Menschen in den Mittelpunkt. Sie definiert Grundlagen für Sach-, Entscheidungs- und Handlungskompetenzen, welche für eine selbstverantwortliche Lebensführung und damit auch Ess- und Ernährungsweise unter komplexen gesellschaftlichen Bedingungen notwendig sind. … Essen und Ernährung werden dabei nicht nur aus naturwissenschaftlicher Perspektive und hinsichtlich der individuellen Gesundheit betrachtet. Vielmehr werden sie im gesamtgesellschaftlichen, soziokulturellen und welternährungswirtschaftlichen Kontext gesehen. Dabei wird Essen in seiner physischen, psychischen und sozialen Funktion für den Menschen beachtet, respektiert und thematisiert.“ Soweit ein Auszug aus der Definiton der D-A-CH-Arbeitsgruppe zur Ernährungs- und Verbraucherbildung. Wer’s noch mehr  wissen will, wird auf tellerrand fündig – z.B. beim Interview mit Ines Heindl: „Wir wissen, wie Ernährungsbildung geht.“

Foto: BMEL / Hilla Südhaus, aid

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