Wie viel Überzeugungskraft braucht es, um eingebildete Glutensensitive vom Unsinn ihrer glutenfreien Diät abzubringen? So viel, dass auch das Ergebnis einer neuen Studie nichts an ihrem Diätwahn ändern wird – einer Studie, die den Schluss nahelegt, dass glutenfreies Essen noch ‚gefährlicher‘ für die Gesundheit sein könnte als Alltagskost mit Gluten. Die Rede ist von einer Untersuchung amerikanischer Mediziner von der Mayo-Clinic in Rochester, nach der eine glutenfreie Ernährung zu einem signifikanten Anstieg der Belastung mit Schwermetallen führt. All jene, die sich inzwischen auf Grund vermeintlicher Glutensensitivität streng glutenfrei ernähren (.. weltweit dürften das einige Millionen sein), müssten spätestens jetzt an ihrer Ernährungsphilosophie zweifeln. Doch mutmaßlich Glutensensitive sind hart im Nehmen. Die lassen sich von einer kleinen Studie nicht ins Wanken bringen. Die Existenz ihrer vermeintlichen Krankheit – der Nicht-Zöliakie-Gluten-Sensitivität – ist wissenschaftlich bis heute nicht sicher bewiesen. Wer das bisher nicht wahrhaben wollte, den bringt sicher auch die drohende Schwermetallvergiftung nicht vom Glauben an die heilende Wirkung der glutenfreien Kost ab.

Zudem wird es zu einer solchen Vergiftung wohl auch so schnell nicht kommen. Denn gesundheitlich bedenklich waren die erhöhten Schwermetallwerte bei den Betroffenen in der Studie nicht. Obwohl Personen mit glutenfreier Diät im Vergleich zu solchen mit glutenhaltiger Ernährung signifikant höhere Blutwerte von Quecksilber, Blei sowie Cadmium hatten und die Arsenwerte im Urin ebenfalls erhöht waren, erreichte die Schwermetallbelastung auch bei den Probanden mit glutenfreier Ernährung im Mittel nur ein Zehntel der jeweiligen Grenzwerte. Allerdings bestätigt die Studie einen grundsätzlichen Sachverhalt, der seit jeher klar ist: Jede Art von einseitiger Kost ist mit Defiziten und Fehlernährung verbunden. „Frei-von-was-auch-immer“ muss schon deswegen einseitig sein, weil jeweils ganze Lebensmittelgruppen ausgeschlossen werden. Das scheint vielen, die meinen, sie würden sich mit „frei-von“-Diäten etwas Gutes tun, nicht bewusst zu sein. Für Menschen, die sich solche Diäten aus bloßer Vermutung und ohne jede medizinische Veranlassung selbst verordnen, können die Folgen schwerwiegend sein. Sie begeben sich ohne jede Not in die Gefahr einer Fehl- oder Mangelernährung.

 

Das führt zurück zur Studie: Interessant dabei war, dass sich nur bei 10 Prozent der Personen mit glutenfreier Diät Hinweise auf eine Zöliakie (echte Glutenunverträglichkeit) in Form von Antikörpern in den Blutproben finden ließen. Dabei unterschieden sich die Schwermetall-Werte zwischen diesen Personen mit echter Zöliakie und den restlichen 90% der Gluten-Meider so gut wie gar nicht. Bei denen handelte es sich offensichtlich um Personen, die sich rein vorsichtshalber glutenfrei ernähren oder glauben, an mutmaßlicher Glutenunverträglichkeit zu leiden. Die Ursache der erhöhten Schwermetall-Belastung lässt sich übrigens aus der Einseitigkeit der glutenfreien Kost leicht erklären: Wer keinen Weizen, keinen Roggen, keinen Hafer mehr isst, muss diese Lebensmittel durch andere ersetzen. Entsprechend essen Menschen mit glutenfreier Diät zum einen mehr Reis und Fisch, zum anderen mehr Zucker, Fett und Salz – verbunden mit der Gefahr, zu wenig Eisen, Zink und Ballaststoffe aufzunehmen. Was nun die Schwermetallbelastung betrifft, zählen Reis und Fisch zu den Hauptverdächtigen: Beide gehören zu den Lebensmitteln, die überdurchschnittlich mit Schwermetallen belastet sind. So ist Reis eine der Hauptquellen für Arsen in der Nahrung. Meeresfische enthalten relativ hohe Quecksilber-Konzentrationen. Neben der erhöhten Belastung von glutenfreien Produkten mit Schwermetallen bringen die Forscher eine weitere Erklärung ins Spiel: Alternative Diäten haben oft einen geringeren Protein- und vor allem Schwefelanteil. Da schwefelhaltige Aminosäuren nötig sind, um Schwermetalle zu binden, könnte deren Mangel ebenfalls zu erhöhten Schwermetall-Spiegeln führen.

 

Schwermetall hin oder her – die Studie dürfte eingefleischte Gluten-free-Fans kaum ins Nachdenken bringen. Bereits im vergangenen Sommer stellte die Zeitschrift Ökotest bei der Hälfte von 20 untersuchten glutenfreien Lebensmitteln Spuren von Arsen fest. Einen Aufschrei der „frei-von“-Gemeinde gab es deswegen nicht. Tatsächlich hat sich inzwischen ein ganzer Industriezweig der fürsorglichen Betreuung ihres Leidens verschrieben und suggeriert den Betroffenen, wie hilfreich und richtig glutenfrei ist. Damit schüren sie die Verunsicherung – und liefern gleichzeitig die passenden Produkte zur Beruhigung dazu. Mit dieser Strategie lässt sich gut verdienen. Unterstützung kommt von den Medien, die, die bei einem publikumswirksamen Thema wie Verdauung und Darmgesundheit gerne aus jeder noch so armseligen PR-Meldung marktschreierische Headlines und Artikel mit Heilsversprechen machen. Auch die Medizin trägt zur „frei-von“-Misere bei. Viele von denen, die sich in Diät- Experimente stürzen, leiden ja wirklich, manche sogar extrem. Und die Gastroenterologen? In vielen Fällen sind sie einfach nur ratlos. Reizdarm z.B. gilt noch immer als „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“. Im Klartext bedeutet das: Diagnostisch und therapeutisch läuft die Gastroenterologie der klaren Deutung oft komplexer Patientensymptome hinterher. Wer könnte dem Patienten, der nach erfolgloser Odysee durch viele Praxen nach einer „frei-von“-Diät als letzten Strohhalm greift, diesen Versuch verdenken.

 

Da passt das Ergebnis einer neuen Studie aus Norwegen dazu (..vielen Dank an Nicolai Worm für den Hinweis darauf). In der Studie wurden Personen getestet, die glaubten, an einer Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität zu leiden und die sich zum Zeitpunkt des Studienstarts alle seit mindestens 6 Wochen glutenfrei ernährten. Zöliakie, Weizenallergie, Laktoseintoleranz oder entzündliche Darmerkrankungen wurden vor Beginn der doppelblinden, placebo-kontrollierten Studie ausgeschlossen. In der  Durchführungsphase bekamen die Studienteilnehmer an 4 Tagen, mit jeweils 3 Tagen Pause dazwischen täglich 2 Muffins mit 11 g Gluten. Die Placebogruppe erhielt glutenfreie Muffins. Ergebnis: Die meisten Teilnehmer verspürten deutlich mehr Beschwerden, nachdem sie glutenfreie Muffins gegessen hatten. Schlussfolgerung der Autoren: Vom Gluten können die Beschwerden nicht kommen! Dumm gelaufen, meint der Ernährungswissenschaftler Prof. Nicolai Worm und wünscht dem Ergebnis die größtmögliche Verbreitung unter Gluten-free-Fans. Die Hoffnung macht er sich vermutlich vergebens. Auch dieses klare Indiz dafür, dass die Glutenunverträglichkeit oft nur eingebildet ist, dürfte ungehört verhallen.

 

Fazit: „Es gibt zwar einige Hinweise, dass eine Nicht-Zöliakie-Gluten-Sensitivität existiert. Die vorliegenden Daten sind aber nach wie vor widersprüchlich und verwirrend.“ So fasst die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Imke Reese den Stand der Wissenschaft zur Frage der Evidenz der Gluten-Sensitivität in der Fachzeitschrift Ernährungs Umschau zusammen. Den Großteil der Betroffenen wird diese Botschaft wohl gar nicht erreichen. Tatsächlich hat der Hype um glutenfreie Ernährung inzwischen hysterische Ausmaße erreicht. Die gesundheitlichen Gefahren dieser einseitigen Kost, die zudem noch aufwändig und teuer ist, werden von den Betroffenen unterschätzt oder gar nicht gesehen. Was braucht es da? Mehr Zusammenarbeit zwischen Ernährungstherapeuten und Ärzten mit dem Ziel, Unverträglichkeiten, Reizdarm und ähnliche Erkrankungen der Verdauungsorgane besser zu erforschen und wirksame Behandlungskonzepte zu entwickeln. Medien, die aufklären anstatt mit Schlagzeilen Klicks oder Auflagen zu treiben – und Hersteller glutenfreier Produkte, die im Sinne einer objektiven Verbraucheraufklärung aktiv kooperieren. Das wird vermutlich ein frommer Wunsch bleiben.

 

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