ALDI verkauft „Krumme Dinger“ – und alle loben den Discounter. Sogar Utopia, das Portal für nachhaltiges Leben, fällt in den Lobgesang  ein: „Aldi Süd geht gegen Lebensmittelverschwendung vor: Der Discounter verkauft ab sofort Obst und Gemüse mit optischen Makeln – also Ware, die normalerweise gar nicht erst im Handel landen würde.“ Die Medien sind der Geschichte des Discounters vom ‚Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung‘ voll auf den Leim gegangen – sie haben die Essenz der Pressemeldung des Discounters bisher alle kritiklos übernommen. Die PR-Leute von ALDI dürfen sich über gelungenes Storytelling freuen – das Publikum ist gerührt davon, wie sich ALDI gegen die Verschwendung engagiert. Was ALDI nicht erwähnt: Die Krummen Dinger würden auch ohne die Aktion des Discounters bestimmt nicht auf dem Müll landen – und außerdem verdient ALDI gutes Geld damit. Mit Lebensmittelrettung hat das Ganze herzlich wenig zu tun.

Jetzt also zur schönen Geschichte, die uns ALDI über die krummen Dinger erzählt. In der Pressemeldung heißt es: „Viele Lebensmittel gelangen aufgrund optischer Makel nicht in die Regale der Supermärkte und werden aussortiert. Um auf diese Form der Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen, bietet ALDI SÜD Möhren und Äpfel der Klasse II an. Die ‚Krummen Dinger‘ können Schönheitsfehler aufweisen. In puncto Geschmack stehen sie ihren makellosen Artgenossen aber in nichts nach. Mit dem Angebot ‘zweitklassiger‘ Ware erweitern wir unsere Toleranzen im Einkauf und setzen ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung in der Lieferkette.“ So weit, so gut. Leider ist die Geschichte nicht frei von Schönheitsfehlern: Sie hält sich nicht ganz an die Fakten – vor allem dort, wo es um die Lebensmittelverschwendung geht.

Obst und Gemüse der Güteklasse II kommt zwar tatsächlich in der Regel nicht in die Regale des Handels, landet deswegen aber noch lange nicht auf dem Müll. Ware der Klasse II sondern ist begehrter Rohstoff der lebensmittelverarbeitenden Industrie. Nehmen wir Möhren und Äpfel – die beiden Produkte also, die ALDI jetzt in die Märkte bringt: Möhren werden z.B. zu Suppen, Gemüseäften, Fertigsalaten, Gläschenkost etc. verarbeitet. Auch Äpfel mit Schönheitsfehlern landen nicht auf der Halde, sondern werden zu Saft, Nektar, Mus, Marmeladen etc. verarbeitet. So ist die News von der Rettung vor der Verschwendung schon ein bisschen Fake-News. Im Übrigen sagt ALDI verständlicherweise auch nicht, dass sich mit den Krummen Dingern gut verdienen lässt. Der Discounter kauft Ware der Klasse II vermutlich mit erheblichen Preisnachlässen ein. Wird diese Ersparnis nicht oder nur teilweise weitergegeben – in Form von Preisnachlässen für die Verbraucher – erhöht das Marge. Das Angebot dürfte sich für den Discounter hervorragend rechnen.

 Deutsche Verbraucher sind anspruchsvoll und wählerisch – oder sollte man besser sagen: ‚verwöhnt‘? Sie stehen auf makelloses Obst und Gemüse. Genau dieses irrationale Verhalten und nicht etwas die innere Qualität der Produkte ist der Grund dafür, dass Obst und Gemüse der Klasse zwei nicht in den Handel kommt: Sie lässt sich einfach nicht verkaufen. Wenn Aldi seine Kunden davon überzeugen will, dass es an den Krummen Dingern qualitativ nichts auszusetzen gibt, kann man das nur unterstützen. Verbraucher von der unsinnigen Fixierung auf Schönheitsideale beim Einkauf von Obst und Gemüse abzubringen, fällt durchaus in die Rubrik praktische Verbraucherbildung und fördert nachhaltigen Konsum. Im Grunde sollte dasschon ausreichen als positives Argument für die Krummen Dinger. Mit dem fadenscheinigem PR-Geschwätz vom ‚Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung‘ allerdings riskiert man einen Verlust von Glaubwürdigkeit und schadet damit der guten Sache. So möchte man den PR-Schreibern von ALDI raten: Manchmal ist weniger einfach mehr.

 

Foto: ALDI SÜD

 

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