Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski im Gespräch mit Dr. Friedhelm Mühleib

Menschen mit Übergewicht und Adipositas leiden nicht nur gesundheitlich. Darüber hinaus müssen sie mit Ausgrenzung und Stigmatisierung im psychosozialen Umfeld kämpfen. Nach einer repräsentativen Forsa-Untersuchung im Auftrag der DAK im Jahr 2016 glaubt die Mehrheit der Bevölkerung, dass Fettleibige selbst schuld an den überflüssigen Pfunden und zu faul zum Abnehmen sind. Nach Meinung von Claudia Luck-Sikorski, Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der Hochschule für Gesundheit in Gera, wäre die Entstigmatisierung  der Betroffenen Voraussetzung für jede erfolgreiche Therapie der Betroffenen im Rahmen diätetischer und medizinischer Maßnahmen. Im Gespräch mit tellerrand erklärt die Stigma-Expertin (..es gibt wohl niemanden in Deutschland, der sich besser mit dieser Problematik auskennt), warum  Schuldzuweisungen den Erfolg der Behandlung von Menschen mit Adipositas gefährden: „Solange wir auf dem Einzelnen herumhacken und sagen, dass der sich eigentlich nur ändern muss, um das Problem Übergewicht zu lösen – solange wird es keine echten Lösungen dafür geben.“

 

Prof. Claudia Luck-Sikorski: „Die Therapie von Menschen mit Adipositas muss komplett weg von der Belehrung! Diesbezüglich läuft momentan aber noch vieles schief.“  

 

tellerrand: Wo stehen wir heute in der Therapie des Stigmas bei Adipösen?

 

Luck-Sikorski: Was die Behandlung des Stigmas betrifft, setzt unser Gesundheitssystem rigide Grenzen. Erst wenn ein Stigma das Ausmaß und das Leiden einer psychischen Erkrankung erreicht hat, können sich Betroffene psychologische Hilfe suchen – z.B.in Form einer ambulanten Psychotherapie. Um dafür die Leistung der gesetzlichen Kasse in Anspruch zu nehmen, müssen die Beschwerden das Ausmaß einer klinischen Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung erreichen. Im subklinischen Bereich bietet die psychologisch orientierte Ernährungstherapie gute Ansatzpunkte. Ernährungstherapeuten sind grundsätzlich gut ausgebildet und sensibilisiert für das Thema Stigma und können sinnvoll Hilfestellung geben. Betroffene können Ernährungsberatung auf Rezept als Heilmittel bekommen. Bewilligt werden in der Regel  zwei mal sechs Sitzungen – so wie für die Physiotherapie.  Wenn man die Dimension des Problems betrachtet, ist das natürlich viel zu wenig.

 

tellerrand: Wo sind die inhaltlichen und methodischen Ansatzpunkte einer Ernährungsberatung?

 

Luck-Sikorski: Einen Königsweg für die Adipositastherapie gibt es noch immer nicht. Am Anfang einer Stigmatherapie steht immer eine grundsätzliche Entscheidung: Will man das Stigma als psychisches Phänomen behandeln oder sieht man die Lösung in der Reduzierung des Körpergewichtes. Darin sehen vor allem viele Betroffene erstmal den Weg: „Ich halte das so nicht mehr aus und möchte das ändern und versuche zunächst mal Gewicht zu verlieren.“ Die Alternative wäre – im Sinne der fat-acceptance Bewegung in den USA – zu sagen: „Ich bin so, wie ich bin und versuche, mit dem Stigma umzugehen.“ Das wäre der Weg in Richtung eines psychologischen Therapieansatzes. Im Sinne einer Prävention im Vorfeld manifester psychischer Erkrankungen z. B. sollte auch das Angebot von Kursen zur Stressreduktion gute Ergebnisse bringen. Da ein Stigma nichts anderes als ein chronischer Stressor ist, sollte man den Betroffenen die Möglichkeit bieten, Strategien zum Umgang damit zu erlernen. Auf der Ebene der Gewichtsreduktion sind die Ernährungsfachkräfte natürlich unverzichtbar.

 

tellerrand: Wo ist der Ansatzpunkt für Ernährungsfachkräfte? Schließlich sagen Sie doch, dass der klassische Ansatz zur Gewichtsabnahme bei stigmatisierten adipösen Menschen weitgehend zum Scheitern verurteilt ist?

 

Luck Sikorski: Ich glaube, im Umgang mit Menschen mit Adipositas brauchen alle, die in die Therapie involviert sind – und natürlich auch die Ernährungsfachkräfte – vor allem anderen eine empathische Grundhaltung. Adipositas ist wie kaum eine andere Erkrankung das Resultat aus einer ganzen Fülle von Ursachen in Verbindung mit dem enormen Leidensdruck und den verzweifelten Versuchen, der Situation zu entkommen. Es ist wichtig, dass ein Ernährungstherapeut versteht, dass dem mit einfachen althergebrachten Gleichungen nicht beizukommen ist. „Der muss halt weniger essen und sich ein bisschen mehr bewegen, dann klappt das schon!“  Das kann angesichts der komplexen Gemengelage bei den Patienten nicht funktionieren. Jeder Therapeut in diesem Bereich muss sich der Vielfalt der bereits bekannten Forschungsergebnisse stellen. Die zeigen sehr deutlich, wie sehr die Situation bei den Betroffenen mit dem gesellschaftlichen Umfeld verbunden ist. Wenn ein Therapeut versteht, dass das Verhalten dieses Umfeldes zu Schuldzuweisungen an die völlig falsche Adresse führt, dann kann man diesen Patienten gegenüber eine empathische Grundhaltung einnehmen. Dann verbündet man sich auf einer tieferen Ebene. Man kann diesen Menschen kein Konzept nach dem Muster präsentieren: „Jetzt mach halt dies oder das, dann wird das schon klappen bei dir.“ Die Therapie muss komplett weg von der Belehrung! Diesbezüglich läuft momentan aber noch vieles schief. Das Problem ist so höchst individuell, dass diese einfachen Lösungen zum Scheitern verurteilt sind. Und sie scheitern ja auch tatsächlich. Immer wieder! Ernährungstherapie für adipöse Menschen sollte grundsätzlich auf der Basis einer therapeutischen Allianz stehen, wie wir sie aus der Psychotherapie kennen: Als respekt- und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Therapeut und Patient bei gemeinsamer Definition des Therapiezieles und des Weges dorthin.

 

tellerrand: Wie sollten denn Lösungen idealerweise inhaltlich und methodisch konzipiert sein?

 

Luck-Sikorski: Es gibt einfach unglaublich viel Nachholbedarf bei der therapeutischen Annäherung an dieses wahnsinnig komplexe Thema. Statt dem einzelnen ein Konzept überzustülpen, muss man sich mit ihm auf eine detektivische Spurensuche begeben, auf der psychologischen und der physiologischen Ebene. Inzwischen weiß man ja auch, wie der Umfang der Resorption und Verdauung der Nahrung zwischen verschiedenen Individuen enorm schwanken kann. Auch das muss natürlich betrachtet und berücksichtigt werden. Wichtig ist, dass auch der Therapeut seine Situation reflektiert. Es ist nur menschlich, dass Ärger aufkommt, wenn ich sehe, dass mein Konzept beim Patienten nicht funktioniert. Das löst eine ganze Kaskade aus: Ich ärgere mich und möchte natürlich meine Kompetenz als Therapeut nicht in Frage stellen. Die Folge: Ich bin versucht, den Patienten zu stigmatisieren und ihn abzuwerten. Profan ausgedrückt war der dann zu doof, das umzusetzen, was ich ihm geraten habe – ich habe ja recht, weil ich der Experte bin! Das passiert übrigens zunftübergreifend. Auch Psychotherapeuten sind überhaupt nicht frei von solchen Reaktionen. Man muss sich allerdings im Klaren sein: Wenn das passiert, ist die therapeutische Interaktion beendet. Da braucht man nicht weitermachen, das bringt dann nichts mehr. Und das betrifft auch die Betrachtungsweise der therapeutischen Allianz.

 

tellerrand:  Braucht es einen „Empathietest“ für Therapeuten – und wer den nicht versteht, ist raus?

 

Luck-Sikorski: Wer nicht dazu in der Lage ist, diese Empathie aufzubringen, sollte sich aus moralischen und ethischen Überlegungen tatsächlich eher nicht mit diesem Patiententyp beschäftigen, wobei festzustellen wäre: Es ist normal und völlig in Ordnung, dass man Probleme hat, für bestimmte Patienten Empathie zu entwickeln. Es gibt eine Menge Psychotherapeuten, die sich schwer tun, mit anorektischen Patientinnen zu arbeiten, mit der Begründung, die würden sie aggressiv machen. Solche Dinge gehören zum normalen Berufsalltag eines Therapeuten dazu. Es geht dabei auch darum, seine eigenen Grenzen und Übertragungen zu erkennen. „Nur weil ich selber normalgewichtig bin und alles hinkriege, muss dieses Konzept auch für den Patienten funktionieren.“ – wer so denkt, ist in der Sackgasse. Der Weg führt zwingend über mehr therapeutische Allianz. Der Therapeut muss seinen Blickwinkel so ändern, dass er dem Patienten offen gegenübersteht. „Wir schauen gemeinsam wo die Probleme sind und suchen zusammen nach einer Lösung, die Ihnen entspricht.“ – das muss der Leitgedanke sein. Das schafft eine positive emotionale Basis für das Verhältnis Therapeut-Patient.

 

tellerrand: Kann man diese Haltung erlernen?

 

Luck-Sikorski: Bis zu einem gewissen Grad ganz sicher ‚ja‘ – natürlich auch in Abhängigkeit von der eigenen Persönlichkeit. Eine eigene Haltung kann man nur formen, wenn man gut informiert ist und die Möglichkeiten der Intervention kennt. Ganz wichtig ist, dass Ernährungstherapeuten z. B. Gesprächstechniken kennen und trainieren, mit denen sich Blockaden bei den Patienten auflösen lassen. Die Stigmatisierung führt bei den Betroffenen oft zum Aufbau von Barrieren gegen die Umsetzung von Verhaltensänderung oder anderen Maßnahmen. Das sind in der Regel unbewusste Prozesse, die der Betroffene nur mit Unterstützung des Therapeuten auflösen kann. Der muss über entsprechende methodische Fähigkeiten verfügen um solche Blockaden aufzulösen und darf nicht kapitulieren, wenn er an den Punkt kommt, wo er feststellen muss: „Da blockiert der Patient, und solange er nicht will kann ich nichts für ihn tun.“ Grundsätzlich ist das zwar richtig. Solange der Patient nicht will, kann nichts geschehen. Die Frage ist allerdings: Warum will er nicht? Dann ist es die Aufgabe des Therapeuten, die Faktoren herauszufinden, die den Patienten blockieren. Entsprechende Gesprächstechniken sind oft der Schlüssel zur Lösung dieses Problems.

 

tellerrand: Gibt es Betroffene, die den Weg aus Stigma und Adipositas aus eigener Kraft heraus schaffen – oder geht das nur mit professioneller Hilfe?

 

Luck-Sikorski: Solche Menschen gibt es tatsächlich. Wir wissen, dass es Menschen mit sehr hoher Resilienz schaffen, psychisch unbeschadet Ereignisse zu überleben, die die normale Vorstellungskraft in Teilen überschreiten. Wir kennen das u. a. von Missbrauchsopfern, denen es gelingt, aufgrund ihrer psychologischen Grundausstattung mit heftigsten Traumata klarzukommen, und sie sogar gut in ihr Leben zu integrieren. Das gilt auch für das Stigma bei Menschen mit Adipositas. Es gibt diese Menschen mit starkem Übergewicht, die es schaffen, das gut zu verarbeiten und die Strategien entwickeln, durch die sie oft sogar in der Öffentlichkeit wunderbar klar kommen damit.

 

tellerrand: Wir reden jetzt also vom Typus eines ‚Rainer Calmund‘…..

 

Luck Sikorski:  ..der aus der Perspektive einer Ferndiagnose tatsächlich ziemlich immun zu sein scheint. Ihm hilft es wahrscheinlich, dass er ein Mann ist. Adipöse Männer werden seltener mit öffentlichen Anfeindungen konfrontiert. Über die macht man sich zwar schon mal lustig – bei Frauen im Rampenlicht ist die Häme der Öffentlichkeit allerdings sehr viel ausgeprägter. Unsere Politiker sind   ein gutes Beispiel dafür. Der überwiegende Teil der Mitglieder des deutschen Bundestag dürfte zumindest übergewichtig sein, nicht wenige darunter sogar adipös. Eine Untersuchung in den USA hat ergeben, dass männlichen Politikern ihr Übergewicht nicht verübelt wird. Es ist eher der dünne, schmächtige Politiker-Typ, dem Kompetenz schon mal abgesprochen wird. Genau umgekehrt ist es bei den Frauen. Da braucht die Politikerin eine dünne Figur, um ernst genommen zu werden und sobald es dann mehr wird, wird ihre Kompetenz öffentlich bezweifelt. Beim Stigma gibt es also einen Gender-Effekt, der bei Männern und Frauen in verschiedene Richtung führt. Die meisten adipösen Menschen dürften es aber auf Grund ihrer psychischen Instabilität und Verletzlichkeit – die durchaus auch genetisch und familiär bedingt sein kann – nicht schaffen, sich alleine vom Stigma zu befreien.

 

tellerrand: Sind die selbstzufriedenen adipösen Männer nicht ein Beispiel dafür, dass die Überwindung des Stigmas doch eher zur Ignoranz gegenüber dem Rest des Problems – dem Übergewicht führt?  

 

Luck-Sikorski: Nach Überwindung des Stigmas ist für adipöse Menschen im Grunde ja nur ein Teilproblem gelöst. Die Folge wird bei den meisten ganz sicher nicht die Einstellung sein: „Super, weil ich jetzt akzeptieren kann, wie ich bin, ist alles in Butter.“ Ich sehe in meiner Arbeit, dass die Betroffenen auch unter den körperlichen Einschränkungen massiv leiden. Das körperliche Leiden wird durch die Therapie des Stigmas ja nicht weniger, und es ist gerade für adipöse Menschen ja permanent spürbar, weil es alle Aktivitäten des alltäglichen Lebens betrifft. Es bleibt also in jedem Fall ein Leidensdruck, der eine entsprechende Therapie braucht. Nicht umsonst macht ja auch ein Calmund regelmäßig immer wieder Diäten – wenn auch letztlich ohne Erfolg. Aus meiner Sicht bleibt da für Menschen mit einem BMI über 40 in jedem Fall ein therapeutischer Auftrag. Das betrifft derzeit in Deutschland 1,4 Millionen, um die wir uns kümmern müssen – und tendenziell werden es immer mehr. Im Übrigen dürfen wir neben der Therapie auch die Prävention nicht vergessen. Gerade sie wird ja auch vom Aspekt der Stigmatisierung entscheidend beeinflusst. Wir werden auch in der Prävention nur Erfolge erzielen können, wenn wir uns davon lösen, den Einzelnen in den Fokus unserer Maßnahmen zu stellen. Deshalb brauchen wir auch einen gesamtgesellschaftlichen Präventionsansatz mit einem entsprechenden Angebot, das die Betroffenen vom Stigma befreit und parallel dazu dafür sorgt, dass die Entwicklung der Adipositas bei verletzlichen Menschen in Zukunft einen anderen Verlauf nimmt.

Das Gespräch führte Dr. Friedhelm Mühleib

 

Mehr zum Thema: Unter dem Titel „Adipositas – ein menschlicher Makel“ referiert Prof. Luck-Sikorski im Februar in der Seminarreihe „Fachseminare für Ernährungsprofis“ im Seminarhaus freiraum über Stigma und Übergewicht / Adipositas. Dabei geht es vor allem auch um Ansätze für die Ernährungsberatung. Unter anderem werden gemeinsam Möglichkeiten erarbeitet, den Umgang der Betroffenen mit dem Stigma zu erleichtern.

 

Zur Person: Prof. Dr. habil. Claudia Luck-Sikorski arbeitete nach dem  Psychologie Studium in Leipzig als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und am Institut für Sozialmedizin in Leipzig. Nach der Promotion im Jahr 2013 folgte ein Forschungsaufenthalt an der Columbia University in New York. Seit Mai 2014 leitet sie die Nachwuchsgruppe „Stigmatisierung und internalisiertes Stigma bei Adipositas: Mechanismen und Implikationen für Interventionsmöglichkeiten.“ die im Rahmen des Integrierten Forschungs-und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas Erkrankungen eingerichtet wurde und durch das BMBF gefördert wird. Im April 2016 übernahm sie die Aufgaben der Studiengangsleiterin im Master Studiengang Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der SRH Hochschule für Gesundheit Gera.

Kontakt: claudia.luck-sikorski@srh.de

Foto: © Hochschule Gera

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